Wissenschaft und Comic: unmöglich? – Jens Harder macht es möglich! Ein Gespräch mit dem deutschen Comiczeichner über seine Trilogie, die zunehmende Digitalisierung und seine italienischen Kollegen

Harder

Wie ist die Idee zu der Trilogie Alpha / Beta / Gamma entstanden, also die Geschichte der Welt und der Menschheit in einem Comic abzubilden?

Mit der Trilogie möchte ich die wissenschaftliche Sicht auf die Entstehung der Welt illustrieren, damit der Leser nicht nur Erklärungen präsentiert bekommt, sondern in die Bilder eintauchen kann. Trotzdem stelle ich auch eine Verknüpfung zu Religion und Mythen her, um zu zeigen wie die Menschen früher versucht haben, sich verschiedene Naturphänomene zu erklären. Heute finden wir dafür wissenschaftliche Begründungen, damals wurden hingegen Götter herangezogen oder angerufen. Dieses Wechselspiel finde ich spannend, als Zeichner und Autor war dies für mich eine große Herausforderung und ein großes Vergnügen.

Aus welcher Motivation heraus widmest du dich einem so großen Werk?

Ich fühlte mich auch dazu aufgefordert, weil ich diese Herangehensweise einerseits vermisst hatte, mich andererseits das Thema extrem interessierte und ich es aus zeichnerischer Sicht umgesetzt sehen wollte. Es gab und es gibt nichts Vergleichbares in dieser Länge – ein Buch, das 14 Milliarden Jahre Weltgeschichte über gezeichnete Bilder vermittelt. Nun arbeite ich mittlerweile seit fast zehn Jahren daran, weitere acht werden folgen.

Siehst du für dich und deine Kollegen als Zeichner eine besondere Herausforderung für die Zukunft im Zeitalter der neuen Medien?

Als Herausforderung sehe ich es, Bücher weiterhin so attraktiv zu machen, dass man meine Arbeiten auch zukünftig in Buchform haben will, sie auch noch in 20 bis 50 Jahren auf Papier lesen möchte. Aber gerade bezüglich der Recherchearbeit und der Distribution bietet das Internet natürlich eine Menge Vorteile für uns Autoren.

Wäre deine Trilogie für eine digitale Wiedergabe geeignet?

Meine Trilogie ist nicht zum Durchklicken oder Durchscrollen am Monitor geeignet, da eine detailreiche Wiedergabe bzw. Auflösung auf einem E-Book-Reader oder Smartphone nicht möglich ist. Außerdem bildet jede Doppelseite eine in sich geschlossene Komposition, die auf einem digitalen Medium wie den eben genannten, verloren gehen würde. Ebenso würde die Haptik des Papiers fehlen, wie auch die Farbgestaltung in Metallic-Tönen, so wie ich sie speziell für Beta umgesetzt habe.

Kennst du italienische Künstler und Comicautoren?

Ich kenne und schätze eine Reihe Graphic-Novelists oder Comicautoren aus Italien wie zum Beispiel Igort, Gipi, Lorenzo Mattotti, Dino Battaglia oder Manuele Fior. Ansonsten gibt es viele italienische Illustratoren, auf die ich bei der Recherche zu Beta gestoßen bin und deren Illustrationen ich zitiert oder adaptiert habe, besonders wenn es um prähistorische Themen aus der Menschheits- und Frühgeschichte sowie um die Antike ging. Hervorheben möchte ich hierbei die Arbeiten von Sergio oder Giovanni Caselli. Insgesamt haben mich die Werke sehr vieler italienischer, aber auch französischer Kollegen bei meiner Arbeit – vor allem zu Beta – beeinflusst.

Wenn du an irgendeinem beliebigen Ort in Italien deine Werke und Arbeiten ausstellen könntest, wo wäre das und warum?

Als Ausstellungsort könnte ich mir sehr gut Neapel vorstellen, weil diese Stadt aus vielen Gründen dafür geeignet ist, vor allem aber hinsichtlich ihrer Geschichte. In Alpha habe ich bereits ein Aussterbe-Ereignis illustriert, in dessen Zusammenhang ich auf Pompeji und den Folgen des damit verbundenen Vulkanausbruchs einging, um zu verdeutlichen, welche Bedeutung die plötzliche Auslöschung von Leben hat. Der Anfang von Beta II wird mitten in der Antike anknüpfen, in der dem Römischen Imperium im Allgemeinen, aber später natürlich auch Neapel als mediterrane Seemacht eine maßgebliche Rolle als Handlungsort und -träger zuteilwerden wird. Aus diesem Grund wäre es wunderbar, Bilder, die auf diese Stadt rekurrieren, später auch hier vor Ort in einer Ausstellung zu zeigen.

Vom Big Bang bis zu den Pyramiden am Nil: In Zusammenarbeit mit dem Internationalen Comicsalon Napoli COMICON zeigte das Goethe-Institut Neapel vom 9. April bis zum 29. Mai 2015 Originalzeichnungen des Comicautors Jens Harder, aus Alpha… directions und Beta… civilisations, den beiden ersten Bänden seiner als Trilogie angelegten Erd- und Menschheitsgeschichte in Comic-Form. Am 30. April 2015 traf Jens Harder sein Publikum im Palazzo Sessa. Das Goethe-Institut Neapel hat im Rahmen der Begegnung ein Interview mit ihm geführt.