Pascal Merighi – Regisseur, Tänzer und Choreograph: Ein Gespräch mit dem vielseitigen Talent über seine Arbeit, Pina Bausch und das Stück „Samuel“

LABORATORIO PASCAL MERIGHI

Wie ist ihre Leidenschaft zum Tanz entstanden?

Das ist eine sehr gute Frage, die sich gar nicht so einfach beantworten lässt (lacht)… Leidenschaft… ich weiß nicht. Für mich ist es mehr die Leidenschaft auf der Bühne zu stehen und eine Idee bzw. Choreografie zu entwickeln, zunächst also weniger eine Leidenschaft zum Tanz selbst. In Jazztanz und in Ballett habe ich sehr viele Vorstellungen gegeben und mich dabei sehr wohl auf der Bühne gefühlt (lacht). Und dann kam eins zum anderen: ich habe ein paar Unterrichtsstunden genommen und habe Leute getroffen, die mir sagten, ich solle mehr trainieren, diese Schule besuchen und jenen Lehrer kennenlernen. Und peu à peu bin ich im Centre International de Danse Rosella Hightower in Frankreich gelandet.

Wie empfanden Sie die Zusammenarbeit mit Pina Bausch?

Die Arbeit mit Pina war sehr schön. Es war natürlich eine riesige Erfahrung und je weiter ich von dieser Zeit entfernt bin, desto mehr wird mir das bewusst. Wir hatten eine sehr enge Beziehung, die mich sehr geprägt hat und die aber auch voll von Arbeit war. Sehr viel Arbeit. Pina habe ich damals durch Zufall getroffen und kennengelernt, als ich mit Jochen Ulrich und dem Tanzforum in Köln war. Mir war nicht bewusst, dass Pina eine solche Größe war (lacht).

Wie ist die Idee zu Samuel entstanden und worum geht es in dem Stück?

Die Künstler des Trios CDT Wuppertal (Clementine Deluy, Damiano Ottavio Bigi und Thusnelda Mercy) haben mich als Choreograf angefragt, und ich habe ja gesagt. Ich habe dem Trio also den Text von Beckett zum Lesen gegeben und damit hat unsere gemeinsame Arbeit begonnen. Der Klang ist mir wichtig, die Wörter, der Weg, der Rhythmus und das Zusammenspiel dieser Komponenten. Der Text hat meine Imagination sehr stark angeregt, auch wenn wir mittlerweile sehr weit weg vom Originaltext sind und in unserem Stück kein Extrakt aus Becketts Le Dépeupleur zu finden ist. Aber das eigentliche Sujet – die Einsamkeit – ist sehr stark präsent in Samuel.

Wie entstehen Ihre Choreographien?

Ich gebe nur ein paar Bewegungen vor und den ein oder anderen Satz, und frage dann die Darsteller, wie sie dies oder jenes umsetzen können. Sie sollen sich von ihrer Phantasie treiben lassen. Ich gebe beispielsweise nur sehr wenig Choreographie vor, da ich mich selbst nicht wirklich als Choreograph, sondern vielmehr als Regisseur verstehe. Oft bringe ich viel Text aus literarischen Werken ein. Die Kreation des Sujets macht den handwerklichen Teil meiner Arbeit aus und dann beginne ich damit, es als Stück zusammenzufügen und zu gestalten. Ich schaue welche Teile zusammenpassen und versehe das Ganze mit Musik in Zusammenarbeit mit Volker Wurth. Die darauffolgende Arbeit mit den Schauspielern ist sehr instinktiv: ich sehe etwas vor mir, das der Künstler dann irgendwie umsetzen soll. Das hat keinen rationalen Grund. Ich sehe etwas vor meinem geistigen Auge und wenn es in das Stück passt, dann bleibt es, auch wenn es dramaturgisch gesehen vielleicht nicht stimmig ist.

Welchen Effekt haben Textpassagen in ihren Stücken?

Ich mag den Kontrast zwischen Tanz und Text. Bei dem Spiel mit Tanz und Text muss der Zuschauer eine andere Art von Aufmerksamkeit aufbringen. Beim Einsatz von Text fühlen sich die meisten Zuschauer dazu verpflichtet, das Gesprochene zu verstehen. Aber mir geht es nicht unbedingt darum, dass der Text verstanden wird, sondern vielmehr dass er angehört wird. Das ist wie beim Tanz: er ist manchmal unverständlich, aber dafür schön, anzuschauen. Durch diese Korrelation entstehen Emotionen beim Zuschauer.

 

Am 9. und 10. Mai 2015 feierte das Tanztheaterstück Samuel, eine Choreografie des französischen Tänzers und Choreografen Pascal Merighi für das Trio CDT Wuppertal, Premiere am Teatro Bellini, Neapel. Merighi, in Deutschland langjährig aktiv unter anderem als Gasttänzer des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch, gab daneben seine Erfahrung im Rahmen eines Workshops an Tanztalente aus Süditalien weiter.