Palazzo Reale – Hüter unendlicher Schätze

Der Blick ist gigantisch: Vor uns auf dem Meer kleine bunte Fischerboote, die von hungrigen Möwen umkreist werden. Davor weiße Segelyachten, die im Hafen in ihren Boxen hin- und herschaukeln und neben den riesigen Kreuzfahrtschiffen wie Spielzeugboote wirken. Und über allem thront der Vesuv und lässt sich die Spitze seines Kraters von den vorüberziehenden Wolken streicheln. Simonetta Buttò, seit Anfang November Direktorin der Nationalbibliothek von Neapel, muss nur die Balkontür ihres Büros im Palazzo Reale öffnen, um dieses Panorama sehen zu können. Kein Wunder, dass ihre ersten Worte im Gespräch lauten: „Ja, die Stadt gefällt mir sehr“. Die Römerin, die bereits die Biblioteca universitaria di Genova sowie die Biblioteca di Storia Contemporanea di Roma geleitet hat und immer noch zwischen Rom und Neapel pendelt, hat sich die Zeit für dieses Interview mit uns genommen und so sitzen wir nun an dem beeindruckenden Schreibtisch in ihrem Büro im Westzipfel des Palazzo Reale. Wir, das heißt, Johanna Schellnock, Andrea Axt, beide Sprachassistentinnen des DAAD und ich, Julia Umierski, Praktikantin des Goethe-Instituts. Neben den Besonderheiten der Bibliothek interessiert uns natürlich auch ihre Bedeutung für das junge (inter-)nationale Publikum vor dem Hintergrund der neuen Medien.

GI: Liebe Frau Buttò, seit kurzem erst leiten sie die Nationalbibliothek von Neapel. Wie gefällt Ihnen diese Arbeit und was ist Ihrer Meinung nach an dieser Bibliothek so besonders, auch im Vergleich zu den Bibliotheken in Genua und Rom?

B: Ja, die Arbeit hier in Neapel gefällt mir sehr und auch die Bibliothek, die einen immensen Wert besitzt und für die Wissenschaft Südeuropas und des Mittelmeerraumes eine bedeutende Rolle spielt, da sie viele Jahrhunderte abdeckt und sich in einer Stadt befindet, die in der Vergangenheit und noch heute einen besonderen Status hat. Durch ihren Nationalcharakter ist die Bibliothek eindeutig von größerer Bedeutung als Bibliotheken, die aus einem ganz anderen Kontext heraus entstanden sind, wie die von Genua und Rom, die daher auch ein eingeschränkteres Publikum haben. Die Bibliothek von Neapel hingegen deckt die Bedürfnisse jüngerer und älterer Menschen ab und richtet sich an ein breiteres Publikum.

GI: Wir schreiben einen Blog für italienische und deutsche Studenten. Natürlich interessieren uns deshalb besonders die Angebote der Bibliothek für dieses Publikum.

B: Die Bibliothek versucht natürlich, den Gebrauch elektronischer Medien so weit wie möglich zu unterstützen, die heutzutage für wissenschaftliche Studien nahezu unerlässlich sind. Vor allem für junge Menschen, die ein sehr schnelles Auffassungsvermögen haben, wird der Gebrauch elektronischer Medien immer einfacher. Daher versuchen wir, immer mehr Möglichkeiten in diesem Bereich zu bieten. Neben dem herkömmlichen elektronischen Verzeichnis OPAC existieren mittlerweile zahlreiche direkte Links zu digitalen Dokumenten, die zu jeder Tages- und Nachtzeit zugänglich sind. Das ist ein Service, von dem wir glauben, dass er vor allem von den jungen Leuten sehr geschätzt wird.

GI: In der Nationalbibliothek gibt es zahlreiche Manuskripte von enormem Wert. Warum sind sie Ihrer Meinung nach für Studenten von heute noch wichtig, wenn man an das Internet denkt, mit dem man sehr viele Informationen in extrem kurzer Zeit abrufen kann? Welche Rolle spielen traditionelle Bibliotheken mit echten Büchern noch?

B: Ich würde sagen, dass traditionelle Bibliotheken noch einen sehr langen Weg vor sich haben. Bücher repräsentieren die Kultur, die Tradition und die Menschen. Mit dem Internet kann nichts mithalten, wenn man schnell an Informationen gelangen will, jedoch darf man nicht vergessen, dass diese Informationen auch irgendwo herkommen und nicht aus dem Nichts entstehen. Aber was passiert, wenn jemand wissenschaftlich forschen, studieren will? Bibliotheken wie die Nationalbibliothek bieten  Quellen aus erster Hand, ohne die ein vertieftes wissenschaftliches Studium nicht möglich wäre. Ob ich mir dieses Dokument aber im Original oder in digitaler Form anschaue, ändert nichts – digital ist es vielleicht bequemer. Allerdings geht das nicht immer. Stellen wir uns vor, jemand will das Material eines Codex untersuchen, der aus der Zeit vor dem Buchdruck stammt. Er wird das Original brauchen. Kurz gesagt: Digitalisierung und Internet können viel erleichtern, jedoch können sie keine Bibliothek ersetzen. Bücher und Bibliotheken wird es noch lange geben und neue Entwicklungen dürfen uns keine Angst machen. Das Wichtige ist es, weiterhin Anreize zu schaffen und das Wissen über Geschichte sowie über traditionelle und neue Kultur aufrechtzuerhalten.

Julia Umierski

Patti Smith – Rockpredigt in San Giovanni Maggiore

„This is for you Fred! – the father of Jackson…“ die ganze Kirche erhebt sich, es wird Beifall geklatscht im Takt, als die ersten Akkorde erklingen. Kurz vor der Zugabe bringt sie ihn also, ihren großen Hit. Und beim kraftvollen Refrain stimmen alle mit ein: „Because the night belongs to lovers / Because the night belongs to us!“ Es ist eine Mischung aus Messe und Punk-Konzert. Eine Ende 50-jährige Zuschauerin fängt an zu tanzen, so wie damals in der goldenen Zeit. Ich habe Tränen in den Augen.

Es fängt ganz ruhig an, aber die 67-jährige „Godmother of Punk“ hat einen langen Atem und sichtbar Lust auf das Konzert. Mit ihrer Tochter Jesse am Flügel, ihrem Sohn Jackson und dem langjährigen Bühnenpartner Tony Shanahan als Gitarristen wird sie sehr familiär durch den Abend begleitet. Das erste Lied habe sie erst vorhin geschrieben, es handelt von Jesus, aber nicht von seiner Rolle als Erlöser, sondern davon, dass auch er einmal ein kleines Baby war. Patti ist sehr redselig und erzählt davon, dass sie erst vor kurzem Großmutter geworden ist. Auch das Publikum bietet ihr einen sehr warmen und herzlichen Empfang und klatscht begeistert mit. Es war einer der kurzen Momente, in denen einem ihr Alter bewusst wurde: Sie musste ihre Lesebrille aufsetzen, um den Text zu dem Song lesen zu können. Nach ihren Hits „Ghost Dance“ und „Dancing Barefoot“ – zweiteren betont sie Maria Magdalena gewidmet zu haben – gibt sie eine Hommage an Parthenope von Neapel und Amy Winehouse zum Besten. Direkt darauf darf Multiinstrumentalist Shanahan zum Weihnachtslied von Elvis anstimmen. Dazwischen wird ihr eine Tasse Tee gereicht.

Ich muss zugeben, dass ich mir nicht recht vorstellen konnte, wie das zusammenpassen soll: Der bekannteste weibliche Rockstar der Welt, der mit Textzeilen wie „Jesus died for somebody’s sins but not mine“ für Aufsehen sorgte, sollte gerade dort ein Konzert spielen, wo ebendiesem Jesus gehuldigt wird? Tatsächlich ergab es ein perfektes Bild. Frau Smith ist zwar immer noch provokant, aber zumindest deutlich versöhnlicher gegenüber der Kirche. Und mit ihren nach oben gereckten Armen und ihren mitreißenden Gesten erinnerte das Konzert tatsächlich öfter an eine lebendige Predigt, ja sogar entfernt an ein Gospel-Konzert.

Am Ende betritt sie dann doch noch einmal die Bühne und bedankt sich beim Publikum mit einer Zugabe und begeisterten Worten über Neapel, das sie in den letzten Tagen erkunden durfte. Und so bereitet sie auch dem Publikum einen nahezu perfekten Tag, wie sie ihn im gleichnamigen Lou Reed-Cover bittersüß besingt, um dann am Ende doch noch auffordernd die Leute in die Nacht zu entlassen. Und wirklich alle singen mit „People have the power!“ und wenn man sieht, wie kraftvoll man auch in diesem Alter noch sein kann, liefert sie selbst den besten Beleg!

 Patrick Helmli & Julia Umierski

Digitalism – Set With Visuals Set Up

Bevor ich nach Neapel kam, hatte ich keinerlei Erwartungen an die hiesige Szene. Ich hatte zwar ein, zwei Mal nach Konzerten gesucht, aber recht schnell gemerkt, dass bekannte Künstler eher nach Mailand oder Rom kommen. Doch schon bald konnte ich neue Hoffnung schöpfen. So legte zum Beispiel in einem bekannten neapolitanischen Kellerklub, der deutsche DJ Robag Wruhme auf. Als dann einige Wochen später „Digitalism“ in der Basilica di San Giovanni Maggiore ein Set zum Besten geben sollten, musste ich trotz eines stolzen Preises von über 25 Euro nicht lange überlegen. Das Hamburger Elektro-Duo ist wohl nicht nur in Deutschland beliebt.

Aktiv seit 2004 haben Digitalism neben ihren beiden AlbenIdealism (2007) und I Love You, Dude (2011) auch diverse Remixe herausgebracht, bei denen sie sich an Stücken von Daft Punk, Depeche Mode oder der Klaxons bedienten. So finden sie nicht nur auf den Tanzflächen bekannter Clubs Anklang, sondern durften auch schon auf zahlreichen großen Festivals wie dem Melt!, Southside oder sogar dem Coachella in Kalifornien spielen.

Leider wurde das Konzert kurzfristig in den Club „Duel Beat“ in Pozzuoli verlegt. Da half auch der gesunkene Eintrittspreis nicht über die Enttäuschung hinweg. Digitalism sollten – für deutsche Verhältnisse recht früh – schon um 22.30 Uhr beginnen. Normalerweise beginnt der Hauptact frühestens gegen 1 Uhr. Bis dahin wird das Publikum oft von einem local DJ eingestimmt. Das war zumindest dieses Mal anders. Da der Club nachts nur schwer mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist, kamen wir staubedingt erst gegen 23 Uhr mit dem Taxi an. Der Club, von den Neapolitanern kurz „Duel“ genannt, befindet sich in einem Industriegebiet und ist groß genug für bekanntere Acts, aber noch unter der Großraum-Disko-Grenze. Auch das Ambiente der Location hat mir sehr gut gefallen: Wenig Licht, schwarze Wände, Fabrikhallen-Stimmung. Nach knapp fünf Minuten Musik aus den Boxen standen dann plötzlich Jens Moelle und Ismail “Isi” Tüfekçi.an den Reglern. Das noch kleine Publikum fing an, zaghaft zu den ersten Beats zu tanzen und als nach kurzer Zeit auch die beiden DJs gut in Fahrt kamen, füllte sich die Tanzfläche mehr und mehr. Auch die Visuals sorgten für gute Stimmung und schon bald stand man dicht im Gedränge und bewegte sich intensiv zu den Bässen. Nun musste auch der Parka weg. Vor allem die Hits wie PogoBlitz und Circles konnten das Publikum vollends überzeugen. Ein schönes Bild durfte ich beobachten, als Ismail von einem Fan aus dem Publikum eine selbstgemachte Kette entgegennahm. Das ist doch noch ehrliches, ernstgemeintes Fandasein.

Nach knapp eineinhalb Stunden wurde das Set so plötzlich beendet wie es angefangen hatte. Es gab verdienten Beifall, jedoch fehlte ein passender Übergang zum nächsten DJ. Schade um die gute Stimmung. Als wir kurz darauf, gegen 1 Uhr, den Club verließen, sahen wir endlich die vorher vermisste Schlange. Scheinbar kam also die Mehrheit der Leute an diesem Abend nicht wegen Digitalism, sondern wegen der local DJs. Vielleicht lang das am immer noch relativ hohem Eintrittspreis oder doch am kurzfristigen Ortswechsel. Wir hatten jedenfalls einen guten Abend und die Jungs hoffentlich trotz allem ihren Spaß! Vielleicht haben sie sich an ihre Anfangszeiten zurück erinnert gefühlt: 2004, ein kleiner Club im Hamburger Industriegebiet, eine Hand voll Leute und am Ende hat der Laden geschwitzt.

Patrick Helmli

Wer nach Neapel kommt, weint zwei Mal: wenn er kommt und wenn er geht

Julia Umierski, geboren und wohnhaft in Bochum, studiert Romanistik an der Ruhr-Universität und war schon oft in Italien, aber noch nie in Neapel. Eines Tages bekommt sie das Angebot für ein Praktikum beim Goethe-Institut. Sie weiß nicht, was sie tun soll: vorrei e non vorrei, mi trema un poco il cor… Dann entscheidet sie sich: Sie packt den Koffer für den Süden, kommt an und verbringt vier Monate in Neapel, die sich im Nachhinein anfühlen wie vier Tage…