Individuum ist doch gut! Ein Gespräch mit dem Tenor Torsten Kerl über Wagner, Neapel und die Oper heute anlässlich der Premiere von „Tristan und Isolde“ im Theater San Carlo am 22. Februar 2015

Benvenuto a Napoli, herzlich Willkommen in Neapel!

Danke (lacht). Ich bin das erste Mal als Musiker hier in Neapel. Ich war ganz früher als Kind mit meinen Eltern hier und von hier sind wir nach Ischia gefahren und natürlich nach Pompeji. Als Musiker war ich in fast allen großen Städten in Italien, aber Neapel fehlte mir noch.

„Tristan und Isolde“ spielt an der Küste bzw. auf dem Meer – obwohl das Meer keine große Rolle spielt. Auch von Neapel wird manchmal etwas Ähnliches gesagt. „Il mare non bagna Napoli“, der Glanz des Meeres dringt nicht bis in die Gassen, so eine berühmte Erzählung von Anna Maria Ortese. Welchen Eindruck haben Sie von der Stadt?

Es stimmt, was Ortese schreibt. Wenn man vom Flughafen in die Stadt fährt, dann sieht man zunächst einmal nur riesige Lagerhallen und den abgesperrten Hafen. Aber das ist ja in allen großen Küstenstädten so, in Barcelona zum Beispiel.

Der Tristan gilt als besonders schwierige Rolle. Warum?

Der Tristan ist insofern schwer, weil er stimmlich ungünstig verteilt ist. Das heißt, im ersten Akt relativ wenig, im zweiten Akt dann sehr viel und im dritten Akt singt er die ersten 50 Minuten ganz alleine. Wunderschön schwermütige Musik, aber emotional sehr schwer und auch für das Orchester technisch anspruchsvoll. Die Wagner-Opern an sich sind natürlich alle unterschiedlich gelagert. Aber wenn man die entsprechende Stimme dazu hat – da ist sicher viel Technik dabei, aber auch ein bisschen Glück – dann kann man sie sogar alle singen. Es gibt zwei Arten von Sängern: den Marathonläufer und den Sprinter. Der letzte kommt auf die Bühne, singt eine komplizierte Arie mit vielen Koloraturen, hat noch ein Duett, vielleicht noch eine Arie und dann ist Schluss. Kurz und intensiv. Wagner-Opern verlangen dagegen den Marathon-Sänger. Außerdem gibt es beim Tristan auch zwei, drei ganz gefährliche Partien, auch sehr intensiv, nur alles zehnmal so lange. Man muss also lange genug singen können, man muss die Lagen singen können, in denen sich das Stück bewegt, man muss aber gleichzeitig auch laut genug sein und man sollte entweder sehr gut Deutsch können oder Deutsch als Muttersprache haben. Denn Wagner-Deutsch ist ein reines Kunstdeutsch, so kann man ja nicht reden und insofern sollte man schon verstehen, was man da singt.

Haben Sie sich auf die Inszenierung hier in Neapel irgendwie besonders vorbereitet oder ist es das Gleiche, den Tristan in Neapel zu singen wie in Bayreuth?

Ich bin eigentlich ein ziemlicher Gegner von der Idee: „Man ist in Bayreuth besser, weil es dort bekannter ist.“ Meiner Meinung nach ist es immer erst mal wichtig, wie man singt, nicht wo man singt. Also ich singe es hier, so gut ich kann. Und das Theater San Carlo in Neapel ist ein tolles Haus. Es hat ja auch eine große Tradition mit Wagner.

Für alle, die noch nie eine Wagner-Oper gesehen haben: Ist „Tristan und Isolde“ eine Oper, mit der man gut einsteigen kann?

Ja, warum nicht? Das ist immer eine Frage der Erwartungshaltung. Wagner ist sehr lang, aber es ist eine Musik, auf die man sich auch lange einlassen kann. Man muss sich ein bisschen einlesen. Opernführer fliegen überall herum. Die Inszenierung hier eignet sich sowieso gut, weil sie genau die Geschichte wiedergibt. Es ist eine Inszenierung, die so durch drei Zeiten geht, um das ganze etwas zeitlos zu machen – wie die Liebesgeschichte ja auch. Der erste Akt spielt im Mittelalter, der zweite im Rokoko und der letzte Akt ist relativ modern. Außerdem ist die Musik im „Tristan“ eine der schönsten Musiken, die Wagner geschrieben hat – passend zur traurigen Liebe von Tristan und Isolde. Wunderschön.

Herr Kerl, vielen Dank für das Interview. Möchten Sie noch eine Botschaft für alle unsere Leser und für alle „Deutsche in Neapel“ hinterlassen?

(Lacht) Kommt in die Oper! Sonst habe ich es nicht so mit Botschaften. (lacht) Das ist eine Chance! Diese Inszenierung war vor elf Jahren das letzte Mal in Neapel. Also das heißt bis „Tristan“ wieder kommt, wird es eine Weile dauern. Wer weiß, ob es überhaupt je wieder kommt? Aber es gibt eine Sache, die ich generell allen ans Herz legen möchte. Was die Oper angeht, haben wir in ganz Europa eine einmalige Kultur, wirklich eine Art von Hochkultur, die leider aber immer weiter verloren geht. Deshalb sollten wir die Oper für alle attraktiv machen – Schüler, Eltern, Freunde und Bekannte. Eine Inszenierung muss nicht unbedingt modern sein, weil das gerade cool ist. Die Oper sollte sich nicht anbiedern, wir sollten nicht ein Popmusical daraus machen, sondern wir müssen den Leuten, denen der Zugang dazu fehlt, zeigen, was daran schön ist. Wir müssen diese kulturelle Fahne hochhalten! Ich denke da häufig darüber nach, mit welcher Selbstverständlichkeit über kulturelle Identitäten weggebügelt wird, damit das alles schön gleich ist. Aber was ist daran so toll? Individuum ist doch gut!

Interview von Anuschka Heid