Herzlichen Glückwünsch, Lily Erlinger!

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Lily Erlinger, Regiestudentin der Filmakademie Baden-Württemberg hat mit ihrem Film “Das alte böse Wir” am Int. Frauenkurzfilmfestival “A corto di donne” in Pozzuoli (18.-21.06.2015) teilgenommen und den Preis der Jury für den Besten Kurzfilm im Bereich Fiction gewonnen. Der Film setzt sich mit dem Thema der totalitären Gesellschaft auseinander. Das Goethe-Institut hat im Anschluss an die Auszeichnung ein Interview mit der Regisseurin geführt.

Herzlichen Glückwunsch Lily! Was bedeutet die Auszeichnung für Sie?

Es ist wahnsinnig ermutigend. Filme machen ist ja nicht immer einfach. Es gibt auch Fälle, wo es viel viel schwieriger ist als in unserem. Ich hatte viel Unterstützung von der Filmakademie, ein tolles Team und tolle Produzenten. Als junger Filmemacher stellt man sich oft die Frage, ob man da richtig ist. Es ist wunderschön, von Menschen, die eine Leidenschaft für den Film und das Kino haben, eine Bestätigung zu bekommen und dazu ermutigt zu werden, weiterzumachen.

Ihr Film thematisiert die Banalität des Bösen und die Mechanismen des Mitläufertums, also sehr komplexe Themen. Es geht um eine totalitär organisierte Dorfgemeinschaft. Ihr Motto lautet „Kraft durch Einheit“. Adrian Wendt, ein junger Familienvater und Teil dieser Gemeinschaft, macht eines Tages eine furchtbare Entdeckung und beginnt die bestehende Ordnung in Frage zu stellen. Letztendlich ordnet er sich aber wieder dem System unter. Wie ist die Idee zum Film entstanden?

Für die Filmakademie muss man jedes Jahr einen Film produzieren. Wir wollten auf jeden Fall etwas machen, was mit dem Medium Film spielt, etwas was die Ästhetik von Film bedienen würde, auch weil es eine 16mm-Übung war. Wir haben lange nach einem Thema gesucht und begonnen ein Projekt zu entwickeln. Das stellte sich allerdings als zu groß heraus und wir haben dann entschieden etwas Kleineres zu machen. Dass es dann trotzdem ein Projekt mit 9 Darstellern, 70 Komparsen und einem großen Team geworden ist, war uns am Anfang nicht bewusst.
Auf die Thematik bin ich gemeinsam mit meiner Produzentin in langen abendlichen Gesprächen gestoßen. Wir suchten nach einem Thema, das unsere Generation angeht. Ich habe lange im Ausland gelebt und mich aus der Distanz intensiv mit der jüngeren deutschen Geschichte beschäftigt. Als ich zum Studieren nach Deutschland zurück kam, war ich überrascht, wie präsent die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus und seine katastrophalen Folgen ist, vor allem aber unterschwellig. Und das hat mich sehr beschäftigt. Was wir wollten, war, das Thema aus einer neuen Perspektive anzugehen. Es gibt viele Filme über die Täter bzw. das Böse im Sinne von Nazismus und auch viele Filme über die Opfer. Diese Filme sind wichtig, aber wir wollten einen Film machen über die Masse der Mitläufer, diejenigen, die dazu beigetragen haben, den Nazismus salonfähig zu machen. Ich wollte einen Weg finden zu verstehen wie so etwas passieren kann, wie es dazu kommt dass man die Augen vor offensichtlichem Unrecht verschließt. Und ich wollte zeigen, dass es alltäglich ist, dass es uns alle jeden Tag betrifft. Es war mir wichtig, einen Film zu machen, der darüber reflektiert und der zur Reflektion anregt.

Wie ist Ihr Eindruck vom Festival?

Es war ein wahnsinnig herzliches Festival. Ich hab mich total wohl gefühlt, war ein bisschen nervös am Anfang, auch weil ich überhaupt kein Italienisch spreche, aber ich wurde mit einer Herzlichkeit aufgenommen, die wunderschön war. Natürlich gab es ein paar Sprachbarrieren, aber man bekommt trotzdem viel über die anderen Festivalteilnehmer mit, über ihre Leidenschaft, über ihre Liebe, all das, was sie auch in ihrer Arbeit ausdrücken. Da nehme ich selbst auch viel mit.

Wie geht es jetzt für Sie weiter? Welche Projekte stehen an?

Jetzt gerade produzieren wir mein nächstes Projekt, ein Kurzfilm mit dem Titel „Die Stille“ über das Thema Abtreibung. Es geht nicht um die Gründe, die eine Abtreibung motivieren, sondern darum was eine Abtreibung in der Frau auslöst, um ihren Umgang damit. Auch hier spielt wieder das Thema der Verdrängung eine Rolle. Die Folgen der Abtreibung für die Person, die abtreibt, werden oft nicht thematisiert. Oft ist es aber gerade das Verdrängte, das einen großen Einfluss auf uns nimmt. Mir ist wichtig, in meinen Filmen die Grauzonen in unserem Leben zu beleuchten, die Dinge zu thematisieren, die man oft nicht anpacken will, weil sie zu komplex oder sehr kompliziert sind. Ich glaube, dass Themen wie in „Das alte böse Wir“ und „Die Stille“ oft die Gefahr der Polarisierung und der Vorverurteilung in sich tragen und durch meine Herangehensweise versuche ich das zu vermeiden und den Diskurs zu öffnen.

(Interview: Johanna Wand; Übersetzung: Maria Carmen Morese)