Den Vesuv ertasten – ein Gespräch mit Maya Schweizer

Maya Schweizer ist eine französische Filmemacherin, die in Berlin lebt und sich als ihr nächstes Projekt den Vesuv ausgesucht hat: Sie möchte einen experimentellen Film über den mächtigen Vulkan drehen, der über Neapel thront. Aus diesem Grund war sie für mehrere Tage in Neapel. Bei der Gelegenheit habe ich sie getroffen und ihr ein paar Fragen gestellt.

Wie bist du auf das Projekt gekommen und auf den Vesuv?

Meine letzten fünf Filme handeln von Denkmälern und davon, wie man die Erinnerung in Stein festhalten kann, sie also ‚versteinert‘. Das ist jetzt vielleicht eine Weiterentwicklung davon.
Die Idee hat sich entwickelt, als ich vor zwei Jahren auf dem Vesuv war und das erste Mal diese Postkarten von 1944 gesehen habe, mit Luftaufnahmen der britischen und amerikanischen Armeen, die Neapel befreien wollten. Sie sind von dem Ausbruch des Vulkans überrascht worden und es sind einige ihrer Flugzeuge abgestürzt.

Was ist das Besondere an deinem Projekt?

Was ich interessant finde, ist, dass es sich sehr auf die Textur des Vulkans bezieht und unterschiedliche Ebenen hat. Ich fange mit der geschichtlichen Ebene an und versuche daraus drei Zeitebenen zu entwickeln, mit Bildern des Vesuvs heute und einer möglichen Simulation, wie es morgen aussehen könnte. Es ist also eine Entwicklung durch die Zeit und eine Recherche zu dem natürlichen ‚Monument‘.

Maya Schweizer, Foto: Anita Schnierle / Goethe-Institut Neapel

Maya Schweizer, Foto: Anita Schnierle / Goethe-Institut Neapel


Willst du den Zuschauern mit deinem Film etwas Bestimmtes zeigen?

Ich weiß noch nicht genau, ob das wirklich ein Film sein wird, oder eine Filminstallation. Das Format ist noch ganz unklar, aber das Experimentelle ist auf jeden Fall dabei. Es geht auch darum, mit anderen Medien zu zeigen, wie man recherchieren kann, wie zum Beispiel so ein Ausbruch stattfinden kann oder wie die Möglichkeiten sind, das vorausschauend zu planen.

Was hat dich an Neapel beeindruckt oder dir besonders gut gefallen?

Natürlich war die schönste Arbeit die ganze Recherche zum Vesuv, zusammen mit dem Vulkanologen, Geologen und Technikern des  Observatoriums.
Und auch die Stadt hat mir einfach gut gefallen. Ich mag es, durch die kleinen Gassen zu laufen und ich war am Cimitero delle Fontanelle und finde die Beziehung, die die Leute zum Tod haben, sehr interessant und auch ganz besonders.
Außerdem finde ich die besetzten, selbstverwalteten Räume der Stadt spannend, die von sozialen Organisationen und jungen Leuten zum Beispiel als Theater genutzt werden, oder um Aktivitäten für Kinder zu organisieren.

Herzlichen Glückwünsch, Lily Erlinger!

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Lily Erlinger, Regiestudentin der Filmakademie Baden-Württemberg hat mit ihrem Film “Das alte böse Wir” am Int. Frauenkurzfilmfestival “A corto di donne” in Pozzuoli (18.-21.06.2015) teilgenommen und den Preis der Jury für den Besten Kurzfilm im Bereich Fiction gewonnen. Der Film setzt sich mit dem Thema der totalitären Gesellschaft auseinander. Das Goethe-Institut hat im Anschluss an die Auszeichnung ein Interview mit der Regisseurin geführt.

Herzlichen Glückwunsch Lily! Was bedeutet die Auszeichnung für Sie?

Es ist wahnsinnig ermutigend. Filme machen ist ja nicht immer einfach. Es gibt auch Fälle, wo es viel viel schwieriger ist als in unserem. Ich hatte viel Unterstützung von der Filmakademie, ein tolles Team und tolle Produzenten. Als junger Filmemacher stellt man sich oft die Frage, ob man da richtig ist. Es ist wunderschön, von Menschen, die eine Leidenschaft für den Film und das Kino haben, eine Bestätigung zu bekommen und dazu ermutigt zu werden, weiterzumachen.

Ihr Film thematisiert die Banalität des Bösen und die Mechanismen des Mitläufertums, also sehr komplexe Themen. Es geht um eine totalitär organisierte Dorfgemeinschaft. Ihr Motto lautet „Kraft durch Einheit“. Adrian Wendt, ein junger Familienvater und Teil dieser Gemeinschaft, macht eines Tages eine furchtbare Entdeckung und beginnt die bestehende Ordnung in Frage zu stellen. Letztendlich ordnet er sich aber wieder dem System unter. Wie ist die Idee zum Film entstanden?

Für die Filmakademie muss man jedes Jahr einen Film produzieren. Wir wollten auf jeden Fall etwas machen, was mit dem Medium Film spielt, etwas was die Ästhetik von Film bedienen würde, auch weil es eine 16mm-Übung war. Wir haben lange nach einem Thema gesucht und begonnen ein Projekt zu entwickeln. Das stellte sich allerdings als zu groß heraus und wir haben dann entschieden etwas Kleineres zu machen. Dass es dann trotzdem ein Projekt mit 9 Darstellern, 70 Komparsen und einem großen Team geworden ist, war uns am Anfang nicht bewusst.
Auf die Thematik bin ich gemeinsam mit meiner Produzentin in langen abendlichen Gesprächen gestoßen. Wir suchten nach einem Thema, das unsere Generation angeht. Ich habe lange im Ausland gelebt und mich aus der Distanz intensiv mit der jüngeren deutschen Geschichte beschäftigt. Als ich zum Studieren nach Deutschland zurück kam, war ich überrascht, wie präsent die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus und seine katastrophalen Folgen ist, vor allem aber unterschwellig. Und das hat mich sehr beschäftigt. Was wir wollten, war, das Thema aus einer neuen Perspektive anzugehen. Es gibt viele Filme über die Täter bzw. das Böse im Sinne von Nazismus und auch viele Filme über die Opfer. Diese Filme sind wichtig, aber wir wollten einen Film machen über die Masse der Mitläufer, diejenigen, die dazu beigetragen haben, den Nazismus salonfähig zu machen. Ich wollte einen Weg finden zu verstehen wie so etwas passieren kann, wie es dazu kommt dass man die Augen vor offensichtlichem Unrecht verschließt. Und ich wollte zeigen, dass es alltäglich ist, dass es uns alle jeden Tag betrifft. Es war mir wichtig, einen Film zu machen, der darüber reflektiert und der zur Reflektion anregt.

Wie ist Ihr Eindruck vom Festival?

Es war ein wahnsinnig herzliches Festival. Ich hab mich total wohl gefühlt, war ein bisschen nervös am Anfang, auch weil ich überhaupt kein Italienisch spreche, aber ich wurde mit einer Herzlichkeit aufgenommen, die wunderschön war. Natürlich gab es ein paar Sprachbarrieren, aber man bekommt trotzdem viel über die anderen Festivalteilnehmer mit, über ihre Leidenschaft, über ihre Liebe, all das, was sie auch in ihrer Arbeit ausdrücken. Da nehme ich selbst auch viel mit.

Wie geht es jetzt für Sie weiter? Welche Projekte stehen an?

Jetzt gerade produzieren wir mein nächstes Projekt, ein Kurzfilm mit dem Titel „Die Stille“ über das Thema Abtreibung. Es geht nicht um die Gründe, die eine Abtreibung motivieren, sondern darum was eine Abtreibung in der Frau auslöst, um ihren Umgang damit. Auch hier spielt wieder das Thema der Verdrängung eine Rolle. Die Folgen der Abtreibung für die Person, die abtreibt, werden oft nicht thematisiert. Oft ist es aber gerade das Verdrängte, das einen großen Einfluss auf uns nimmt. Mir ist wichtig, in meinen Filmen die Grauzonen in unserem Leben zu beleuchten, die Dinge zu thematisieren, die man oft nicht anpacken will, weil sie zu komplex oder sehr kompliziert sind. Ich glaube, dass Themen wie in „Das alte böse Wir“ und „Die Stille“ oft die Gefahr der Polarisierung und der Vorverurteilung in sich tragen und durch meine Herangehensweise versuche ich das zu vermeiden und den Diskurs zu öffnen.

(Interview: Johanna Wand; Übersetzung: Maria Carmen Morese)

Pascal Merighi – Regisseur, Tänzer und Choreograph: Ein Gespräch mit dem vielseitigen Talent über seine Arbeit, Pina Bausch und das Stück „Samuel“

LABORATORIO PASCAL MERIGHI

Wie ist ihre Leidenschaft zum Tanz entstanden?

Das ist eine sehr gute Frage, die sich gar nicht so einfach beantworten lässt (lacht)… Leidenschaft… ich weiß nicht. Für mich ist es mehr die Leidenschaft auf der Bühne zu stehen und eine Idee bzw. Choreografie zu entwickeln, zunächst also weniger eine Leidenschaft zum Tanz selbst. In Jazztanz und in Ballett habe ich sehr viele Vorstellungen gegeben und mich dabei sehr wohl auf der Bühne gefühlt (lacht). Und dann kam eins zum anderen: ich habe ein paar Unterrichtsstunden genommen und habe Leute getroffen, die mir sagten, ich solle mehr trainieren, diese Schule besuchen und jenen Lehrer kennenlernen. Und peu à peu bin ich im Centre International de Danse Rosella Hightower in Frankreich gelandet.

Wie empfanden Sie die Zusammenarbeit mit Pina Bausch?

Die Arbeit mit Pina war sehr schön. Es war natürlich eine riesige Erfahrung und je weiter ich von dieser Zeit entfernt bin, desto mehr wird mir das bewusst. Wir hatten eine sehr enge Beziehung, die mich sehr geprägt hat und die aber auch voll von Arbeit war. Sehr viel Arbeit. Pina habe ich damals durch Zufall getroffen und kennengelernt, als ich mit Jochen Ulrich und dem Tanzforum in Köln war. Mir war nicht bewusst, dass Pina eine solche Größe war (lacht).

Wie ist die Idee zu Samuel entstanden und worum geht es in dem Stück?

Die Künstler des Trios CDT Wuppertal (Clementine Deluy, Damiano Ottavio Bigi und Thusnelda Mercy) haben mich als Choreograf angefragt, und ich habe ja gesagt. Ich habe dem Trio also den Text von Beckett zum Lesen gegeben und damit hat unsere gemeinsame Arbeit begonnen. Der Klang ist mir wichtig, die Wörter, der Weg, der Rhythmus und das Zusammenspiel dieser Komponenten. Der Text hat meine Imagination sehr stark angeregt, auch wenn wir mittlerweile sehr weit weg vom Originaltext sind und in unserem Stück kein Extrakt aus Becketts Le Dépeupleur zu finden ist. Aber das eigentliche Sujet – die Einsamkeit – ist sehr stark präsent in Samuel.

Wie entstehen Ihre Choreographien?

Ich gebe nur ein paar Bewegungen vor und den ein oder anderen Satz, und frage dann die Darsteller, wie sie dies oder jenes umsetzen können. Sie sollen sich von ihrer Phantasie treiben lassen. Ich gebe beispielsweise nur sehr wenig Choreographie vor, da ich mich selbst nicht wirklich als Choreograph, sondern vielmehr als Regisseur verstehe. Oft bringe ich viel Text aus literarischen Werken ein. Die Kreation des Sujets macht den handwerklichen Teil meiner Arbeit aus und dann beginne ich damit, es als Stück zusammenzufügen und zu gestalten. Ich schaue welche Teile zusammenpassen und versehe das Ganze mit Musik in Zusammenarbeit mit Volker Wurth. Die darauffolgende Arbeit mit den Schauspielern ist sehr instinktiv: ich sehe etwas vor mir, das der Künstler dann irgendwie umsetzen soll. Das hat keinen rationalen Grund. Ich sehe etwas vor meinem geistigen Auge und wenn es in das Stück passt, dann bleibt es, auch wenn es dramaturgisch gesehen vielleicht nicht stimmig ist.

Welchen Effekt haben Textpassagen in ihren Stücken?

Ich mag den Kontrast zwischen Tanz und Text. Bei dem Spiel mit Tanz und Text muss der Zuschauer eine andere Art von Aufmerksamkeit aufbringen. Beim Einsatz von Text fühlen sich die meisten Zuschauer dazu verpflichtet, das Gesprochene zu verstehen. Aber mir geht es nicht unbedingt darum, dass der Text verstanden wird, sondern vielmehr dass er angehört wird. Das ist wie beim Tanz: er ist manchmal unverständlich, aber dafür schön, anzuschauen. Durch diese Korrelation entstehen Emotionen beim Zuschauer.

 

Am 9. und 10. Mai 2015 feierte das Tanztheaterstück Samuel, eine Choreografie des französischen Tänzers und Choreografen Pascal Merighi für das Trio CDT Wuppertal, Premiere am Teatro Bellini, Neapel. Merighi, in Deutschland langjährig aktiv unter anderem als Gasttänzer des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch, gab daneben seine Erfahrung im Rahmen eines Workshops an Tanztalente aus Süditalien weiter.

Wissenschaft und Comic: unmöglich? – Jens Harder macht es möglich! Ein Gespräch mit dem deutschen Comiczeichner über seine Trilogie, die zunehmende Digitalisierung und seine italienischen Kollegen

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Wie ist die Idee zu der Trilogie Alpha / Beta / Gamma entstanden, also die Geschichte der Welt und der Menschheit in einem Comic abzubilden?

Mit der Trilogie möchte ich die wissenschaftliche Sicht auf die Entstehung der Welt illustrieren, damit der Leser nicht nur Erklärungen präsentiert bekommt, sondern in die Bilder eintauchen kann. Trotzdem stelle ich auch eine Verknüpfung zu Religion und Mythen her, um zu zeigen wie die Menschen früher versucht haben, sich verschiedene Naturphänomene zu erklären. Heute finden wir dafür wissenschaftliche Begründungen, damals wurden hingegen Götter herangezogen oder angerufen. Dieses Wechselspiel finde ich spannend, als Zeichner und Autor war dies für mich eine große Herausforderung und ein großes Vergnügen.

Aus welcher Motivation heraus widmest du dich einem so großen Werk?

Ich fühlte mich auch dazu aufgefordert, weil ich diese Herangehensweise einerseits vermisst hatte, mich andererseits das Thema extrem interessierte und ich es aus zeichnerischer Sicht umgesetzt sehen wollte. Es gab und es gibt nichts Vergleichbares in dieser Länge – ein Buch, das 14 Milliarden Jahre Weltgeschichte über gezeichnete Bilder vermittelt. Nun arbeite ich mittlerweile seit fast zehn Jahren daran, weitere acht werden folgen.

Siehst du für dich und deine Kollegen als Zeichner eine besondere Herausforderung für die Zukunft im Zeitalter der neuen Medien?

Als Herausforderung sehe ich es, Bücher weiterhin so attraktiv zu machen, dass man meine Arbeiten auch zukünftig in Buchform haben will, sie auch noch in 20 bis 50 Jahren auf Papier lesen möchte. Aber gerade bezüglich der Recherchearbeit und der Distribution bietet das Internet natürlich eine Menge Vorteile für uns Autoren.

Wäre deine Trilogie für eine digitale Wiedergabe geeignet?

Meine Trilogie ist nicht zum Durchklicken oder Durchscrollen am Monitor geeignet, da eine detailreiche Wiedergabe bzw. Auflösung auf einem E-Book-Reader oder Smartphone nicht möglich ist. Außerdem bildet jede Doppelseite eine in sich geschlossene Komposition, die auf einem digitalen Medium wie den eben genannten, verloren gehen würde. Ebenso würde die Haptik des Papiers fehlen, wie auch die Farbgestaltung in Metallic-Tönen, so wie ich sie speziell für Beta umgesetzt habe.

Kennst du italienische Künstler und Comicautoren?

Ich kenne und schätze eine Reihe Graphic-Novelists oder Comicautoren aus Italien wie zum Beispiel Igort, Gipi, Lorenzo Mattotti, Dino Battaglia oder Manuele Fior. Ansonsten gibt es viele italienische Illustratoren, auf die ich bei der Recherche zu Beta gestoßen bin und deren Illustrationen ich zitiert oder adaptiert habe, besonders wenn es um prähistorische Themen aus der Menschheits- und Frühgeschichte sowie um die Antike ging. Hervorheben möchte ich hierbei die Arbeiten von Sergio oder Giovanni Caselli. Insgesamt haben mich die Werke sehr vieler italienischer, aber auch französischer Kollegen bei meiner Arbeit – vor allem zu Beta – beeinflusst.

Wenn du an irgendeinem beliebigen Ort in Italien deine Werke und Arbeiten ausstellen könntest, wo wäre das und warum?

Als Ausstellungsort könnte ich mir sehr gut Neapel vorstellen, weil diese Stadt aus vielen Gründen dafür geeignet ist, vor allem aber hinsichtlich ihrer Geschichte. In Alpha habe ich bereits ein Aussterbe-Ereignis illustriert, in dessen Zusammenhang ich auf Pompeji und den Folgen des damit verbundenen Vulkanausbruchs einging, um zu verdeutlichen, welche Bedeutung die plötzliche Auslöschung von Leben hat. Der Anfang von Beta II wird mitten in der Antike anknüpfen, in der dem Römischen Imperium im Allgemeinen, aber später natürlich auch Neapel als mediterrane Seemacht eine maßgebliche Rolle als Handlungsort und -träger zuteilwerden wird. Aus diesem Grund wäre es wunderbar, Bilder, die auf diese Stadt rekurrieren, später auch hier vor Ort in einer Ausstellung zu zeigen.

Vom Big Bang bis zu den Pyramiden am Nil: In Zusammenarbeit mit dem Internationalen Comicsalon Napoli COMICON zeigte das Goethe-Institut Neapel vom 9. April bis zum 29. Mai 2015 Originalzeichnungen des Comicautors Jens Harder, aus Alpha… directions und Beta… civilisations, den beiden ersten Bänden seiner als Trilogie angelegten Erd- und Menschheitsgeschichte in Comic-Form. Am 30. April 2015 traf Jens Harder sein Publikum im Palazzo Sessa. Das Goethe-Institut Neapel hat im Rahmen der Begegnung ein Interview mit ihm geführt.

Individuum ist doch gut! Ein Gespräch mit dem Tenor Torsten Kerl über Wagner, Neapel und die Oper heute anlässlich der Premiere von „Tristan und Isolde“ im Theater San Carlo am 22. Februar 2015

Benvenuto a Napoli, herzlich Willkommen in Neapel!

Danke (lacht). Ich bin das erste Mal als Musiker hier in Neapel. Ich war ganz früher als Kind mit meinen Eltern hier und von hier sind wir nach Ischia gefahren und natürlich nach Pompeji. Als Musiker war ich in fast allen großen Städten in Italien, aber Neapel fehlte mir noch.

„Tristan und Isolde“ spielt an der Küste bzw. auf dem Meer – obwohl das Meer keine große Rolle spielt. Auch von Neapel wird manchmal etwas Ähnliches gesagt. „Il mare non bagna Napoli“, der Glanz des Meeres dringt nicht bis in die Gassen, so eine berühmte Erzählung von Anna Maria Ortese. Welchen Eindruck haben Sie von der Stadt?

Es stimmt, was Ortese schreibt. Wenn man vom Flughafen in die Stadt fährt, dann sieht man zunächst einmal nur riesige Lagerhallen und den abgesperrten Hafen. Aber das ist ja in allen großen Küstenstädten so, in Barcelona zum Beispiel.

Der Tristan gilt als besonders schwierige Rolle. Warum?

Der Tristan ist insofern schwer, weil er stimmlich ungünstig verteilt ist. Das heißt, im ersten Akt relativ wenig, im zweiten Akt dann sehr viel und im dritten Akt singt er die ersten 50 Minuten ganz alleine. Wunderschön schwermütige Musik, aber emotional sehr schwer und auch für das Orchester technisch anspruchsvoll. Die Wagner-Opern an sich sind natürlich alle unterschiedlich gelagert. Aber wenn man die entsprechende Stimme dazu hat – da ist sicher viel Technik dabei, aber auch ein bisschen Glück – dann kann man sie sogar alle singen. Es gibt zwei Arten von Sängern: den Marathonläufer und den Sprinter. Der letzte kommt auf die Bühne, singt eine komplizierte Arie mit vielen Koloraturen, hat noch ein Duett, vielleicht noch eine Arie und dann ist Schluss. Kurz und intensiv. Wagner-Opern verlangen dagegen den Marathon-Sänger. Außerdem gibt es beim Tristan auch zwei, drei ganz gefährliche Partien, auch sehr intensiv, nur alles zehnmal so lange. Man muss also lange genug singen können, man muss die Lagen singen können, in denen sich das Stück bewegt, man muss aber gleichzeitig auch laut genug sein und man sollte entweder sehr gut Deutsch können oder Deutsch als Muttersprache haben. Denn Wagner-Deutsch ist ein reines Kunstdeutsch, so kann man ja nicht reden und insofern sollte man schon verstehen, was man da singt.

Haben Sie sich auf die Inszenierung hier in Neapel irgendwie besonders vorbereitet oder ist es das Gleiche, den Tristan in Neapel zu singen wie in Bayreuth?

Ich bin eigentlich ein ziemlicher Gegner von der Idee: „Man ist in Bayreuth besser, weil es dort bekannter ist.“ Meiner Meinung nach ist es immer erst mal wichtig, wie man singt, nicht wo man singt. Also ich singe es hier, so gut ich kann. Und das Theater San Carlo in Neapel ist ein tolles Haus. Es hat ja auch eine große Tradition mit Wagner.

Für alle, die noch nie eine Wagner-Oper gesehen haben: Ist „Tristan und Isolde“ eine Oper, mit der man gut einsteigen kann?

Ja, warum nicht? Das ist immer eine Frage der Erwartungshaltung. Wagner ist sehr lang, aber es ist eine Musik, auf die man sich auch lange einlassen kann. Man muss sich ein bisschen einlesen. Opernführer fliegen überall herum. Die Inszenierung hier eignet sich sowieso gut, weil sie genau die Geschichte wiedergibt. Es ist eine Inszenierung, die so durch drei Zeiten geht, um das ganze etwas zeitlos zu machen – wie die Liebesgeschichte ja auch. Der erste Akt spielt im Mittelalter, der zweite im Rokoko und der letzte Akt ist relativ modern. Außerdem ist die Musik im „Tristan“ eine der schönsten Musiken, die Wagner geschrieben hat – passend zur traurigen Liebe von Tristan und Isolde. Wunderschön.

Herr Kerl, vielen Dank für das Interview. Möchten Sie noch eine Botschaft für alle unsere Leser und für alle „Deutsche in Neapel“ hinterlassen?

(Lacht) Kommt in die Oper! Sonst habe ich es nicht so mit Botschaften. (lacht) Das ist eine Chance! Diese Inszenierung war vor elf Jahren das letzte Mal in Neapel. Also das heißt bis „Tristan“ wieder kommt, wird es eine Weile dauern. Wer weiß, ob es überhaupt je wieder kommt? Aber es gibt eine Sache, die ich generell allen ans Herz legen möchte. Was die Oper angeht, haben wir in ganz Europa eine einmalige Kultur, wirklich eine Art von Hochkultur, die leider aber immer weiter verloren geht. Deshalb sollten wir die Oper für alle attraktiv machen – Schüler, Eltern, Freunde und Bekannte. Eine Inszenierung muss nicht unbedingt modern sein, weil das gerade cool ist. Die Oper sollte sich nicht anbiedern, wir sollten nicht ein Popmusical daraus machen, sondern wir müssen den Leuten, denen der Zugang dazu fehlt, zeigen, was daran schön ist. Wir müssen diese kulturelle Fahne hochhalten! Ich denke da häufig darüber nach, mit welcher Selbstverständlichkeit über kulturelle Identitäten weggebügelt wird, damit das alles schön gleich ist. Aber was ist daran so toll? Individuum ist doch gut!

Interview von Anuschka Heid

Palazzo Reale – Hüter unendlicher Schätze

Der Blick ist gigantisch: Vor uns auf dem Meer kleine bunte Fischerboote, die von hungrigen Möwen umkreist werden. Davor weiße Segelyachten, die im Hafen in ihren Boxen hin- und herschaukeln und neben den riesigen Kreuzfahrtschiffen wie Spielzeugboote wirken. Und über allem thront der Vesuv und lässt sich die Spitze seines Kraters von den vorüberziehenden Wolken streicheln. Simonetta Buttò, seit Anfang November Direktorin der Nationalbibliothek von Neapel, muss nur die Balkontür ihres Büros im Palazzo Reale öffnen, um dieses Panorama sehen zu können. Kein Wunder, dass ihre ersten Worte im Gespräch lauten: „Ja, die Stadt gefällt mir sehr“. Die Römerin, die bereits die Biblioteca universitaria di Genova sowie die Biblioteca di Storia Contemporanea di Roma geleitet hat und immer noch zwischen Rom und Neapel pendelt, hat sich die Zeit für dieses Interview mit uns genommen und so sitzen wir nun an dem beeindruckenden Schreibtisch in ihrem Büro im Westzipfel des Palazzo Reale. Wir, das heißt, Johanna Schellnock, Andrea Axt, beide Sprachassistentinnen des DAAD und ich, Julia Umierski, Praktikantin des Goethe-Instituts. Neben den Besonderheiten der Bibliothek interessiert uns natürlich auch ihre Bedeutung für das junge (inter-)nationale Publikum vor dem Hintergrund der neuen Medien.

GI: Liebe Frau Buttò, seit kurzem erst leiten sie die Nationalbibliothek von Neapel. Wie gefällt Ihnen diese Arbeit und was ist Ihrer Meinung nach an dieser Bibliothek so besonders, auch im Vergleich zu den Bibliotheken in Genua und Rom?

B: Ja, die Arbeit hier in Neapel gefällt mir sehr und auch die Bibliothek, die einen immensen Wert besitzt und für die Wissenschaft Südeuropas und des Mittelmeerraumes eine bedeutende Rolle spielt, da sie viele Jahrhunderte abdeckt und sich in einer Stadt befindet, die in der Vergangenheit und noch heute einen besonderen Status hat. Durch ihren Nationalcharakter ist die Bibliothek eindeutig von größerer Bedeutung als Bibliotheken, die aus einem ganz anderen Kontext heraus entstanden sind, wie die von Genua und Rom, die daher auch ein eingeschränkteres Publikum haben. Die Bibliothek von Neapel hingegen deckt die Bedürfnisse jüngerer und älterer Menschen ab und richtet sich an ein breiteres Publikum.

GI: Wir schreiben einen Blog für italienische und deutsche Studenten. Natürlich interessieren uns deshalb besonders die Angebote der Bibliothek für dieses Publikum.

B: Die Bibliothek versucht natürlich, den Gebrauch elektronischer Medien so weit wie möglich zu unterstützen, die heutzutage für wissenschaftliche Studien nahezu unerlässlich sind. Vor allem für junge Menschen, die ein sehr schnelles Auffassungsvermögen haben, wird der Gebrauch elektronischer Medien immer einfacher. Daher versuchen wir, immer mehr Möglichkeiten in diesem Bereich zu bieten. Neben dem herkömmlichen elektronischen Verzeichnis OPAC existieren mittlerweile zahlreiche direkte Links zu digitalen Dokumenten, die zu jeder Tages- und Nachtzeit zugänglich sind. Das ist ein Service, von dem wir glauben, dass er vor allem von den jungen Leuten sehr geschätzt wird.

GI: In der Nationalbibliothek gibt es zahlreiche Manuskripte von enormem Wert. Warum sind sie Ihrer Meinung nach für Studenten von heute noch wichtig, wenn man an das Internet denkt, mit dem man sehr viele Informationen in extrem kurzer Zeit abrufen kann? Welche Rolle spielen traditionelle Bibliotheken mit echten Büchern noch?

B: Ich würde sagen, dass traditionelle Bibliotheken noch einen sehr langen Weg vor sich haben. Bücher repräsentieren die Kultur, die Tradition und die Menschen. Mit dem Internet kann nichts mithalten, wenn man schnell an Informationen gelangen will, jedoch darf man nicht vergessen, dass diese Informationen auch irgendwo herkommen und nicht aus dem Nichts entstehen. Aber was passiert, wenn jemand wissenschaftlich forschen, studieren will? Bibliotheken wie die Nationalbibliothek bieten  Quellen aus erster Hand, ohne die ein vertieftes wissenschaftliches Studium nicht möglich wäre. Ob ich mir dieses Dokument aber im Original oder in digitaler Form anschaue, ändert nichts – digital ist es vielleicht bequemer. Allerdings geht das nicht immer. Stellen wir uns vor, jemand will das Material eines Codex untersuchen, der aus der Zeit vor dem Buchdruck stammt. Er wird das Original brauchen. Kurz gesagt: Digitalisierung und Internet können viel erleichtern, jedoch können sie keine Bibliothek ersetzen. Bücher und Bibliotheken wird es noch lange geben und neue Entwicklungen dürfen uns keine Angst machen. Das Wichtige ist es, weiterhin Anreize zu schaffen und das Wissen über Geschichte sowie über traditionelle und neue Kultur aufrechtzuerhalten.

Julia Umierski