Patti Smith – Rockpredigt in San Giovanni Maggiore

„This is for you Fred! – the father of Jackson…“ die ganze Kirche erhebt sich, es wird Beifall geklatscht im Takt, als die ersten Akkorde erklingen. Kurz vor der Zugabe bringt sie ihn also, ihren großen Hit. Und beim kraftvollen Refrain stimmen alle mit ein: „Because the night belongs to lovers / Because the night belongs to us!“ Es ist eine Mischung aus Messe und Punk-Konzert. Eine Ende 50-jährige Zuschauerin fängt an zu tanzen, so wie damals in der goldenen Zeit. Ich habe Tränen in den Augen.

Es fängt ganz ruhig an, aber die 67-jährige „Godmother of Punk“ hat einen langen Atem und sichtbar Lust auf das Konzert. Mit ihrer Tochter Jesse am Flügel, ihrem Sohn Jackson und dem langjährigen Bühnenpartner Tony Shanahan als Gitarristen wird sie sehr familiär durch den Abend begleitet. Das erste Lied habe sie erst vorhin geschrieben, es handelt von Jesus, aber nicht von seiner Rolle als Erlöser, sondern davon, dass auch er einmal ein kleines Baby war. Patti ist sehr redselig und erzählt davon, dass sie erst vor kurzem Großmutter geworden ist. Auch das Publikum bietet ihr einen sehr warmen und herzlichen Empfang und klatscht begeistert mit. Es war einer der kurzen Momente, in denen einem ihr Alter bewusst wurde: Sie musste ihre Lesebrille aufsetzen, um den Text zu dem Song lesen zu können. Nach ihren Hits „Ghost Dance“ und „Dancing Barefoot“ – zweiteren betont sie Maria Magdalena gewidmet zu haben – gibt sie eine Hommage an Parthenope von Neapel und Amy Winehouse zum Besten. Direkt darauf darf Multiinstrumentalist Shanahan zum Weihnachtslied von Elvis anstimmen. Dazwischen wird ihr eine Tasse Tee gereicht.

Ich muss zugeben, dass ich mir nicht recht vorstellen konnte, wie das zusammenpassen soll: Der bekannteste weibliche Rockstar der Welt, der mit Textzeilen wie „Jesus died for somebody’s sins but not mine“ für Aufsehen sorgte, sollte gerade dort ein Konzert spielen, wo ebendiesem Jesus gehuldigt wird? Tatsächlich ergab es ein perfektes Bild. Frau Smith ist zwar immer noch provokant, aber zumindest deutlich versöhnlicher gegenüber der Kirche. Und mit ihren nach oben gereckten Armen und ihren mitreißenden Gesten erinnerte das Konzert tatsächlich öfter an eine lebendige Predigt, ja sogar entfernt an ein Gospel-Konzert.

Am Ende betritt sie dann doch noch einmal die Bühne und bedankt sich beim Publikum mit einer Zugabe und begeisterten Worten über Neapel, das sie in den letzten Tagen erkunden durfte. Und so bereitet sie auch dem Publikum einen nahezu perfekten Tag, wie sie ihn im gleichnamigen Lou Reed-Cover bittersüß besingt, um dann am Ende doch noch auffordernd die Leute in die Nacht zu entlassen. Und wirklich alle singen mit „People have the power!“ und wenn man sieht, wie kraftvoll man auch in diesem Alter noch sein kann, liefert sie selbst den besten Beleg!

 Patrick Helmli & Julia Umierski