Isolation Berlin in Neapel

Am 30. November 2016 hatten vierzehn Deutschklassen der Scuole Medie und Superiori in und um Neapel besonderen Grund zur Freude. Sie durften exklusiv zum Konzert der deutschen Band Isolation Berlin, das im Rahmen des Projekts „Lautstark“ vom Goethe-Institut in Neapel veranstaltet wurde.

Isolation Berlin © Johanna Wand, Goethe-Institut Neapel

Isolation Berlin © Johanna Wand, Goethe-Institut Neapel


Isolation Berlin
, das sind Tobias (Gesang & Gitarre), Max (Gitarre & Orgel), Simeon (Schlagzeug) und David (Bass). Sie haben sich in Berlin gesucht und gefunden und machen seit 2012 gemeinsam Musik. In ihren Songs, die ausschließlich auf Deutsch sind, geht es vor allem um Melancholie, Sehnsucht, Verzweiflung und Liebe. „Protopop“ nennen sie ihre Musik selbst scherzhaft, was da genau dahinter steckt muss man sich am besten selbst anhören.

Ganz aufgeregt drängten 300 Schüler/innen in den großen Saal des Teatro Bolivar im Herzen der Stadt und konnten kaum erwarten, dass es losging. Dann wurde es endlich dunkel und Isolation Berlin kam auf die Bühne. Sie starteten mit dem stimmungsvollen Song „Annabelle“ und die Schüler/innen jubelten. Die Jungs spielten eine große Auswahl ihrer Songs, darunter „Fahr weg“, „Alles Grau“ und „Isolation Berlin“.

Isolation Berlin © Johanna Wand, Goethe-Institut Neapel

Isolation Berlin © Johanna Wand, Goethe-Institut Neapel


Irgendwann waren die Jugendlichen dann auch nicht mehr auf ihren Sitzen zu halten, sprangen auf, tanzten und schwenkten ihre Smartphones zum Rhythmus der Musik. Nachdem die Band nach ihrem letzten Song von der Bühne gegangen war, forderten die Schüler/innen eine Zugabe in dem sie – ganz neapolitanisch – alle zusammen lauthals ‘O surdato ‘nnammurato sangen. Das war der Band die Zugabe natürlich wert und während sie ihr nun wirklich letztes Stück rockten, rannten zahlreiche Jugendliche jubelnd nach vorne zur Bühne, wo sie auch nach dem Konzert noch blieben und auf Autogramme und Fotos mit den Musikern hofften.

Die Klasse 3LE des Liceo „Alessandro Manzoni“ aus Caserta durfte im Anschluss am Workshop der jungen Band teilnehmen. Dabei durften die Schüler/innen die Texte der beiden Lieder „Annabelle“ und „Aquarium“ umdichten und gemeinsam mit den Jungs singen. So entstanden einzigartige Songs und die Schülerinnen und Schüler hatten viel Spaß. Alle waren sich einig, dass der Deutschunterricht genau so sein sollte!

Isolation Berlin © Johanna Wand, Goethe-Institut Neapel

Isolation Berlin © Johanna Wand, Goethe-Institut Neapel


Wenige Tage nach dem Konzert haben wir eine E-Mail der Klasse 3LE aus Caserta erhalten. Wir haben uns sehr darüber gefreut und möchten euch diese deshalb nicht vorenthalten:

Wir sind die Schüler des Gymnasiums Manzoni aus Caserta, die am 30. November am Konzert der deutschen Rockband “Isolation Berlin” teilnehmen konnten. Diese Band war uns, bis zu diesem Zeitpunkt, unbekannt und wir waren ein wenig skeptisch, da wir ihre Songs nicht kannten.

Unsere Angst war, den Text nicht zu verstehen, aber sobald das Konzert begonnen hat, waren wir und auch alle anderen Schüler begeistert von dieser Musik. Wir Schüler aber auch die Lehrerinnen haben gejubelt und getanzt. Die Lichter der Smartphones haben eine fantastische Atmosphäre geschaffen. Nach dem Konzert durfte unsere Klasse an einem Workshop teilnehmen. Wir waren verlegen und aufgeregt, aber dann haben wir alle mitgemacht. Wir haben einen tollen Vormittag im Bolivar-Theater verbracht.

Wir möchten uns beim Goethe-Institut recht herzlich bedanken und hoffen, dass das in den kommenden Jahren wiederholt werden kann. Jedes Jahr eine tolle Band, das wäre fantastisch.

Liebe Grüsse von der Klasse 3LE

Klasse 3LE des Gymnasiums Manzoni aus Caserta mit Isolation Berlin ©Johanna Wand, Goethe-Institut Neapel

Klasse 3LE des Gymnasiums Manzoni aus Caserta mit Isolation Berlin ©Johanna Wand, Goethe-Institut Neapel

Anita Schnierle

Den Vesuv ertasten – ein Gespräch mit Maya Schweizer

Maya Schweizer ist eine französische Filmemacherin, die in Berlin lebt und sich als ihr nächstes Projekt den Vesuv ausgesucht hat: Sie möchte einen experimentellen Film über den mächtigen Vulkan drehen, der über Neapel thront. Aus diesem Grund war sie für mehrere Tage in Neapel. Bei der Gelegenheit habe ich sie getroffen und ihr ein paar Fragen gestellt.

Wie bist du auf das Projekt gekommen und auf den Vesuv?

Meine letzten fünf Filme handeln von Denkmälern und davon, wie man die Erinnerung in Stein festhalten kann, sie also ‚versteinert‘. Das ist jetzt vielleicht eine Weiterentwicklung davon.
Die Idee hat sich entwickelt, als ich vor zwei Jahren auf dem Vesuv war und das erste Mal diese Postkarten von 1944 gesehen habe, mit Luftaufnahmen der britischen und amerikanischen Armeen, die Neapel befreien wollten. Sie sind von dem Ausbruch des Vulkans überrascht worden und es sind einige ihrer Flugzeuge abgestürzt.

Was ist das Besondere an deinem Projekt?

Was ich interessant finde, ist, dass es sich sehr auf die Textur des Vulkans bezieht und unterschiedliche Ebenen hat. Ich fange mit der geschichtlichen Ebene an und versuche daraus drei Zeitebenen zu entwickeln, mit Bildern des Vesuvs heute und einer möglichen Simulation, wie es morgen aussehen könnte. Es ist also eine Entwicklung durch die Zeit und eine Recherche zu dem natürlichen ‚Monument‘.

Maya Schweizer, Foto: Anita Schnierle / Goethe-Institut Neapel

Maya Schweizer, Foto: Anita Schnierle / Goethe-Institut Neapel


Willst du den Zuschauern mit deinem Film etwas Bestimmtes zeigen?

Ich weiß noch nicht genau, ob das wirklich ein Film sein wird, oder eine Filminstallation. Das Format ist noch ganz unklar, aber das Experimentelle ist auf jeden Fall dabei. Es geht auch darum, mit anderen Medien zu zeigen, wie man recherchieren kann, wie zum Beispiel so ein Ausbruch stattfinden kann oder wie die Möglichkeiten sind, das vorausschauend zu planen.

Was hat dich an Neapel beeindruckt oder dir besonders gut gefallen?

Natürlich war die schönste Arbeit die ganze Recherche zum Vesuv, zusammen mit dem Vulkanologen, Geologen und Technikern des  Observatoriums.
Und auch die Stadt hat mir einfach gut gefallen. Ich mag es, durch die kleinen Gassen zu laufen und ich war am Cimitero delle Fontanelle und finde die Beziehung, die die Leute zum Tod haben, sehr interessant und auch ganz besonders.
Außerdem finde ich die besetzten, selbstverwalteten Räume der Stadt spannend, die von sozialen Organisationen und jungen Leuten zum Beispiel als Theater genutzt werden, oder um Aktivitäten für Kinder zu organisieren.

„Wir sind keine Barbaren!“ – Theaterworkshop mit Philipp Löhle

CoverPhilipp Löhle, international erfolgreicher Theaterautor aus Berlin, war am 6./ 7. Juli zu Gast bei den jungen Schauspielern des Nuovo Teatro Sanità, um die Inszenierung seines Stücks „Wir sind keine Barbaren!“ unter der Leitung von Mario Gelardi für die Theatersaison 2016/2017 vorzubereiten. Der Hausautor des Maxim-Gorki -Theaters half bei der Erarbeitung und die Schauspieler revanchierten sich mit einem Spaziergang zum berühmten Friedhof der Fontanelle.

Für Philipp Löhle ist es nicht das erste Mal in Neapel. Schon im Januar 2016 war er vom Goethe-Institut zur Neapelpremiere seines Theaterstückes „Genannt Gospodin“ am Teatro Bellini eingeladen worden. Diesmal kommt er für einen Workshop zu seinem Stück „Wir sind keine Barbaren!“, in dem es um Flucht und Vorurteile gegenüber Flüchtlingen geht. Kaum in Neapel angekommen, geht es hinein in die Sanità, ein sozialer Brennpunkt der Stadt.

Philipp Löhle 23-Blog

Vor dem Nuovo Teatro Sanità warten auf ihn schon voller Erwartung die jungen Schauspieler und der Regisseur Mario Gelardi, der den Jugendlichen der Sanità mit seinem Theaterprojekt neue Perspektiven eröffnen will. Er steht den Jugendlichen mit professionellen Tipps zur Seite und hilft ihnen, sich an Theaterschulen fortzubilden. Dank seines Engagements und mit Unterstützung des Goethe-Instituts wird Philipp Löhle den Jugendlichen dabei helfen, sein Stück „Wir sind keine Barbaren!“ besser zu verstehen.

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In der Kühle des Theaters, das sich in der ehemaligen Kirche San Vincenzo befindet, wird gelesen und intensiv diskutiert, bei caffé und stuzzichini. Was beabsichtigt der Autor? Wie sollen die Charaktere interpretiert werden? Und ist all das für ein italienisches Publikum verständlich? Philipp Löhle bekommt schnell einen Einblick in das Können der Schauspieler. Und die Schauspieler lassen sich nicht die Chance entgehen, den Gast aus Deutschland über seine Erfahrungen als Dramaturg auszufragen.

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Nach den beiden Tagen intensiver Arbeit bedankt sich die Compagnie mit einer persönlichen Führung durch die Sanità und den Friedhof der Fontanelle, ein Friedhof der etwas anderen Art. An den Wänden der Tuffsteingrotte stapeln sich Knochen und Totenköpfe. Wer all diese Menschen waren, weiß man heute nicht mehr. Überall sieht man kleine selbstgebaute Schreine, in denen Totenköpfe liegen, manchmal mit Rosenkränzen behangen, manchmal mit Beigabe von kleinen Bildchen und Zetteln. Die Jugendlichen erklären, dass es sich dabei um einen neapolitanischen Brauch handelt. Neapolitaner adoptieren die Skelette und im Gegenzug erfüllen die Seelen der Toten ihnen kleine und große Gefallen: Genesung bei Krankheiten, einen gute Partie für die Tochter etc.
Zurück im Theater bekommt Philipp noch einen caffé und einen Rundgang durch die Theater-Kirche spendiert. Sie war lange Zeit verlassen. Die Jugendlichen haben sie aus eigener Kraft restauriert und in ein Theater verwandelt. Stolz zeigen sie Philipp Löhle den Kirchenkomplex und erzählen, wie das Theater entstanden ist und mit welchen Schwierigkeiten sie kämpfen mussten.
Am Ende des Tages geht ein erfolgreiches deutsch-italienisches Künstlertreffen zu Ende. Doch für die Jugendlichen und Regisseur Gelardi beginnt die eigentliche Arbeit erst jetzt. Mitte Oktober findet die Premiere von „Wir sind keine Barbaren!“ statt, natürlich wieder mit Philipp Löhle.

Bis dahin euch allen einen schönen Sommer, Maike

Notte degli Oscar

Montagabend im Multicinema Modernissimo, Montagskino-Zeit: Patrick Vollrath, Dustin Loose und Ilker Catak präsentieren ihre Kurzfilme, die im September 2015 in Los Angeles mit dem begehrten Student Academy Award, dem Studentenoscar ausgezeichnet wurden. Das ist bislang einmalig: Alle drei Preise in der Kategorie „Bester nicht englischsprachiger Film“  gingen an Deutschland!

Anlässlich der „Notte degli Oscar“ im Rahmen unserer Filmreihe Montagskino sind in diesen Tagen drei deutsche Regisseure zu Gast in Neapel. Am Montagabend wurden im Cinema Modernissimo die drei Kurzfilme „Alles wird gut“ von Patrick Vollrath, „Erledigung einer Sache“ von Dustin Loose und „Sadakat“ von Ilker Çatak präsentiert.

Alle drei Produktionen wurden im letzten Jahr bei den Student Academy Awards in Los Angeles in der Kategorie Bester nicht englischsprachiger Film ausgezeichnet.
Für Patrick Vollrath kam gestern noch ein weiterer Preis hinzu. Claudia Pascotto von der Associazione Tycho und Francesco Napolitano von der Mediateca Santa Sofia überreichten den Preis für den besten Kurzfilm international beim 15. internationalen Kurzfilmfestival „‚O Curt“ (18.-21.11.2015).
Im Anschluss an die Präsentation der Filme standen die Regisseure jeweils für kurze Interviews zur Verfügung. Im weiteren Verlauf lernten die drei begeistert die neapolitanische Küche kennen.

Filmteam der PigrecoemmeGestern morgen gab es dann das nächste Highlight: Gemeinsam mit Studenten der Scuola di Cinema pigrecoemme machten sich Patrick, Dustin und Ilker auf einen Spaziergang durch die Altstadt Neapels. An der Piazza del Gesù, der Piazza Municipio und am Lungomare stellten sie sich für kurze Interviews zur Verfügung, die von den Studenten gefilmt wurden. Begleitet wurden sie dabei auch von unserem eigenen Kamerateam und Mitarbeitern des Goethe-Instituts. Im Laufe des Vormittags entwickelte sich dabei ein anregender Austausch zwischen den interessierten Studenten und unseren Prominenten Gästen.

Die Pigrecoemme wird die drei heute in ihren eigenen Unterrichtsräumen empfangen. Wir werden an dieser Stelle darüber berichten.

Neapel – eine doppelbödige Stadt

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Ole Schneider ist Doktorand der Germanistik an der Universität Münster. Im September kam er für ein Forschungssemester nach Neapel – eine Stadt, die er noch nie zuvor besucht hatte.

Du hast dich spontan entschieden ein Semester in Neapel zu verbringen, warum?

Ich erhielt die Einladung von einer Germanistin der Orientale für drei Monate nach Neapel zu kommen und nahm das Angebot sofort an.

Was hat sich für dich verändert seitdem du in Neapel lebst?

Ich frühstücke nicht mehr so oft zuhause, sondern meistens in der Bar. Dort nehme ich erst einmal meinen Kaffee ein und esse dazu eine Sfogliatella oder eine Brioche, das habe ich in Deutschland so nicht gemacht. Eine neue Erfahrung war für mich zudem der stete Konsum des Kaffees, der im Stehen an der Bar eingenommen wird.

Wie war die Eingewöhnungsphase für dich?

Mein erster Tag war schlimm, es schüttete wie aus Eimern, und Materdei, das Viertel in dem ich wohne, wirkte dadurch sehr trostlos. Eigentlich ist Materdei kein schlechtes Viertel, aber es gibt schon viele Gebäude, die etwas heruntergekommen sind und etwas Morbides haben. Ich habe zuvor in Münster gelebt und deshalb schon einen gewissen Kulturschock erlebt [lacht].

…und wie ging es weiter?

Die darauffolgenden Wochen waren dann wesentlich besser, ich habe die Stadt in all ihren Facetten und Widersprüchen kennengelernt; das Wetter wurde besser und es hat sich dann doch auch so manches an der Uni als sehr gut erwiesen, z.B. der Sprachkurs, den ich dort machen konnte und am Ende hat alles besser geklappt, als ich es erwartet hatte.

Eine etwas abstraktere Frage: Welchen Geruch hat die Stadt für dich?

Welchen Geruch! [überlegt] Der Geruch Neapels ist für mich eine Mischung aus einer angenehmen Meeresbrise und einem gewissen Fäulnisgeruch. Er löst bei mir daher auf der einen Seite Glücksgefühle, auf der anderen Seite ein Gefühl von ungelösten Problemen aus.

Angenommen, du müsstest die Stadt mit einem Adjektiv beschreiben, für welches würdest du dich entscheiden?

Das ist schwierig… doppelbödig würde ich sagen, das Gefühl eines doppelten Bodens ist sehr präsent.

Neapels Kreislauf

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Ein schwarzhaariger Kopf taucht plötzlich im Türrahmen auf. Von meinem Schreibtisch sehe ich zunächst die lockigen Haare, dann die schwarze Hornbrille, ein Lächeln. Tobias Böhner, Referendar aus Augsburg besucht das Goethe-Institut. Seine Freundin Mirjam (Foto) arbeitet hier. Tobias war bisher noch nie in Neapel.
Was, Dein erstes Mal? Na, wie ist denn Neapel?
Unglaublich lebhaft (lacht). Es ist immer viel los. Aber Neapel ist auch eine Stadt von großen Kontrasten. Zwischen dem Trubel in der Via Toledo und der Stille an der Uferpromenade. Essen gehen ist sehr günstig. Zum Beispiel Pizza zum Mitnehmen. Das hätte ich nicht gedacht!
Und Neapel hat einen ganz eigenen Rhythmus. Fast zyklisch. Wie z.B. die Geschäfte auf- und zumachen. Es gibt auch bestimmte Wochentage, an denen die Geschäfte schließen. In Deutschland ist es nicht so. Ich hatte das Gefühl, es ist ein bestimmter Kreislauf, der die Stadt füllt und wieder leert.
Was würdest Du einem neuen Besucher vermitteln?
Es ist sehr angenehm, im November Neapel zu besuchen. Es gibt nicht zu viele Touristen. Die Stadt ist nicht so überlaufen. Ischia ist ein schönes Erlebnis. Man sollte sich auf jeden Fall einen Tag nehmen, zum Beispiel um dort zu wandern.
Erzählst du uns noch eine Wahrnehmung, vielleicht etwas Schräges, das Dir aufgefallen ist?
Ja, der Geruch nach Hundekacke. Man hat den Eindruck, extrem viele Hunde sind hier unterwegs.

Digitalism – Set With Visuals Set Up

Bevor ich nach Neapel kam, hatte ich keinerlei Erwartungen an die hiesige Szene. Ich hatte zwar ein, zwei Mal nach Konzerten gesucht, aber recht schnell gemerkt, dass bekannte Künstler eher nach Mailand oder Rom kommen. Doch schon bald konnte ich neue Hoffnung schöpfen. So legte zum Beispiel in einem bekannten neapolitanischen Kellerklub, der deutsche DJ Robag Wruhme auf. Als dann einige Wochen später „Digitalism“ in der Basilica di San Giovanni Maggiore ein Set zum Besten geben sollten, musste ich trotz eines stolzen Preises von über 25 Euro nicht lange überlegen. Das Hamburger Elektro-Duo ist wohl nicht nur in Deutschland beliebt.

Aktiv seit 2004 haben Digitalism neben ihren beiden AlbenIdealism (2007) und I Love You, Dude (2011) auch diverse Remixe herausgebracht, bei denen sie sich an Stücken von Daft Punk, Depeche Mode oder der Klaxons bedienten. So finden sie nicht nur auf den Tanzflächen bekannter Clubs Anklang, sondern durften auch schon auf zahlreichen großen Festivals wie dem Melt!, Southside oder sogar dem Coachella in Kalifornien spielen.

Leider wurde das Konzert kurzfristig in den Club „Duel Beat“ in Pozzuoli verlegt. Da half auch der gesunkene Eintrittspreis nicht über die Enttäuschung hinweg. Digitalism sollten – für deutsche Verhältnisse recht früh – schon um 22.30 Uhr beginnen. Normalerweise beginnt der Hauptact frühestens gegen 1 Uhr. Bis dahin wird das Publikum oft von einem local DJ eingestimmt. Das war zumindest dieses Mal anders. Da der Club nachts nur schwer mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist, kamen wir staubedingt erst gegen 23 Uhr mit dem Taxi an. Der Club, von den Neapolitanern kurz „Duel“ genannt, befindet sich in einem Industriegebiet und ist groß genug für bekanntere Acts, aber noch unter der Großraum-Disko-Grenze. Auch das Ambiente der Location hat mir sehr gut gefallen: Wenig Licht, schwarze Wände, Fabrikhallen-Stimmung. Nach knapp fünf Minuten Musik aus den Boxen standen dann plötzlich Jens Moelle und Ismail “Isi” Tüfekçi.an den Reglern. Das noch kleine Publikum fing an, zaghaft zu den ersten Beats zu tanzen und als nach kurzer Zeit auch die beiden DJs gut in Fahrt kamen, füllte sich die Tanzfläche mehr und mehr. Auch die Visuals sorgten für gute Stimmung und schon bald stand man dicht im Gedränge und bewegte sich intensiv zu den Bässen. Nun musste auch der Parka weg. Vor allem die Hits wie PogoBlitz und Circles konnten das Publikum vollends überzeugen. Ein schönes Bild durfte ich beobachten, als Ismail von einem Fan aus dem Publikum eine selbstgemachte Kette entgegennahm. Das ist doch noch ehrliches, ernstgemeintes Fandasein.

Nach knapp eineinhalb Stunden wurde das Set so plötzlich beendet wie es angefangen hatte. Es gab verdienten Beifall, jedoch fehlte ein passender Übergang zum nächsten DJ. Schade um die gute Stimmung. Als wir kurz darauf, gegen 1 Uhr, den Club verließen, sahen wir endlich die vorher vermisste Schlange. Scheinbar kam also die Mehrheit der Leute an diesem Abend nicht wegen Digitalism, sondern wegen der local DJs. Vielleicht lang das am immer noch relativ hohem Eintrittspreis oder doch am kurzfristigen Ortswechsel. Wir hatten jedenfalls einen guten Abend und die Jungs hoffentlich trotz allem ihren Spaß! Vielleicht haben sie sich an ihre Anfangszeiten zurück erinnert gefühlt: 2004, ein kleiner Club im Hamburger Industriegebiet, eine Hand voll Leute und am Ende hat der Laden geschwitzt.

Patrick Helmli

Wer nach Neapel kommt, weint zwei Mal: wenn er kommt und wenn er geht

Julia Umierski, geboren und wohnhaft in Bochum, studiert Romanistik an der Ruhr-Universität und war schon oft in Italien, aber noch nie in Neapel. Eines Tages bekommt sie das Angebot für ein Praktikum beim Goethe-Institut. Sie weiß nicht, was sie tun soll: vorrei e non vorrei, mi trema un poco il cor… Dann entscheidet sie sich: Sie packt den Koffer für den Süden, kommt an und verbringt vier Monate in Neapel, die sich im Nachhinein anfühlen wie vier Tage…