Isolation Berlin in Neapel

Am 30. November 2016 hatten vierzehn Deutschklassen der Scuole Medie und Superiori in und um Neapel besonderen Grund zur Freude. Sie durften exklusiv zum Konzert der deutschen Band Isolation Berlin, das im Rahmen des Projekts „Lautstark“ vom Goethe-Institut in Neapel veranstaltet wurde.

Isolation Berlin © Johanna Wand, Goethe-Institut Neapel

Isolation Berlin © Johanna Wand, Goethe-Institut Neapel


Isolation Berlin
, das sind Tobias (Gesang & Gitarre), Max (Gitarre & Orgel), Simeon (Schlagzeug) und David (Bass). Sie haben sich in Berlin gesucht und gefunden und machen seit 2012 gemeinsam Musik. In ihren Songs, die ausschließlich auf Deutsch sind, geht es vor allem um Melancholie, Sehnsucht, Verzweiflung und Liebe. „Protopop“ nennen sie ihre Musik selbst scherzhaft, was da genau dahinter steckt muss man sich am besten selbst anhören.

Ganz aufgeregt drängten 300 Schüler/innen in den großen Saal des Teatro Bolivar im Herzen der Stadt und konnten kaum erwarten, dass es losging. Dann wurde es endlich dunkel und Isolation Berlin kam auf die Bühne. Sie starteten mit dem stimmungsvollen Song „Annabelle“ und die Schüler/innen jubelten. Die Jungs spielten eine große Auswahl ihrer Songs, darunter „Fahr weg“, „Alles Grau“ und „Isolation Berlin“.

Isolation Berlin © Johanna Wand, Goethe-Institut Neapel

Isolation Berlin © Johanna Wand, Goethe-Institut Neapel


Irgendwann waren die Jugendlichen dann auch nicht mehr auf ihren Sitzen zu halten, sprangen auf, tanzten und schwenkten ihre Smartphones zum Rhythmus der Musik. Nachdem die Band nach ihrem letzten Song von der Bühne gegangen war, forderten die Schüler/innen eine Zugabe in dem sie – ganz neapolitanisch – alle zusammen lauthals ‘O surdato ‘nnammurato sangen. Das war der Band die Zugabe natürlich wert und während sie ihr nun wirklich letztes Stück rockten, rannten zahlreiche Jugendliche jubelnd nach vorne zur Bühne, wo sie auch nach dem Konzert noch blieben und auf Autogramme und Fotos mit den Musikern hofften.

Die Klasse 3LE des Liceo „Alessandro Manzoni“ aus Caserta durfte im Anschluss am Workshop der jungen Band teilnehmen. Dabei durften die Schüler/innen die Texte der beiden Lieder „Annabelle“ und „Aquarium“ umdichten und gemeinsam mit den Jungs singen. So entstanden einzigartige Songs und die Schülerinnen und Schüler hatten viel Spaß. Alle waren sich einig, dass der Deutschunterricht genau so sein sollte!

Isolation Berlin © Johanna Wand, Goethe-Institut Neapel

Isolation Berlin © Johanna Wand, Goethe-Institut Neapel


Wenige Tage nach dem Konzert haben wir eine E-Mail der Klasse 3LE aus Caserta erhalten. Wir haben uns sehr darüber gefreut und möchten euch diese deshalb nicht vorenthalten:

Wir sind die Schüler des Gymnasiums Manzoni aus Caserta, die am 30. November am Konzert der deutschen Rockband “Isolation Berlin” teilnehmen konnten. Diese Band war uns, bis zu diesem Zeitpunkt, unbekannt und wir waren ein wenig skeptisch, da wir ihre Songs nicht kannten.

Unsere Angst war, den Text nicht zu verstehen, aber sobald das Konzert begonnen hat, waren wir und auch alle anderen Schüler begeistert von dieser Musik. Wir Schüler aber auch die Lehrerinnen haben gejubelt und getanzt. Die Lichter der Smartphones haben eine fantastische Atmosphäre geschaffen. Nach dem Konzert durfte unsere Klasse an einem Workshop teilnehmen. Wir waren verlegen und aufgeregt, aber dann haben wir alle mitgemacht. Wir haben einen tollen Vormittag im Bolivar-Theater verbracht.

Wir möchten uns beim Goethe-Institut recht herzlich bedanken und hoffen, dass das in den kommenden Jahren wiederholt werden kann. Jedes Jahr eine tolle Band, das wäre fantastisch.

Liebe Grüsse von der Klasse 3LE

Klasse 3LE des Gymnasiums Manzoni aus Caserta mit Isolation Berlin ©Johanna Wand, Goethe-Institut Neapel

Klasse 3LE des Gymnasiums Manzoni aus Caserta mit Isolation Berlin ©Johanna Wand, Goethe-Institut Neapel

Anita Schnierle

Den Vesuv ertasten – ein Gespräch mit Maya Schweizer

Maya Schweizer ist eine französische Filmemacherin, die in Berlin lebt und sich als ihr nächstes Projekt den Vesuv ausgesucht hat: Sie möchte einen experimentellen Film über den mächtigen Vulkan drehen, der über Neapel thront. Aus diesem Grund war sie für mehrere Tage in Neapel. Bei der Gelegenheit habe ich sie getroffen und ihr ein paar Fragen gestellt.

Wie bist du auf das Projekt gekommen und auf den Vesuv?

Meine letzten fünf Filme handeln von Denkmälern und davon, wie man die Erinnerung in Stein festhalten kann, sie also ‚versteinert‘. Das ist jetzt vielleicht eine Weiterentwicklung davon.
Die Idee hat sich entwickelt, als ich vor zwei Jahren auf dem Vesuv war und das erste Mal diese Postkarten von 1944 gesehen habe, mit Luftaufnahmen der britischen und amerikanischen Armeen, die Neapel befreien wollten. Sie sind von dem Ausbruch des Vulkans überrascht worden und es sind einige ihrer Flugzeuge abgestürzt.

Was ist das Besondere an deinem Projekt?

Was ich interessant finde, ist, dass es sich sehr auf die Textur des Vulkans bezieht und unterschiedliche Ebenen hat. Ich fange mit der geschichtlichen Ebene an und versuche daraus drei Zeitebenen zu entwickeln, mit Bildern des Vesuvs heute und einer möglichen Simulation, wie es morgen aussehen könnte. Es ist also eine Entwicklung durch die Zeit und eine Recherche zu dem natürlichen ‚Monument‘.

Maya Schweizer, Foto: Anita Schnierle / Goethe-Institut Neapel

Maya Schweizer, Foto: Anita Schnierle / Goethe-Institut Neapel


Willst du den Zuschauern mit deinem Film etwas Bestimmtes zeigen?

Ich weiß noch nicht genau, ob das wirklich ein Film sein wird, oder eine Filminstallation. Das Format ist noch ganz unklar, aber das Experimentelle ist auf jeden Fall dabei. Es geht auch darum, mit anderen Medien zu zeigen, wie man recherchieren kann, wie zum Beispiel so ein Ausbruch stattfinden kann oder wie die Möglichkeiten sind, das vorausschauend zu planen.

Was hat dich an Neapel beeindruckt oder dir besonders gut gefallen?

Natürlich war die schönste Arbeit die ganze Recherche zum Vesuv, zusammen mit dem Vulkanologen, Geologen und Technikern des  Observatoriums.
Und auch die Stadt hat mir einfach gut gefallen. Ich mag es, durch die kleinen Gassen zu laufen und ich war am Cimitero delle Fontanelle und finde die Beziehung, die die Leute zum Tod haben, sehr interessant und auch ganz besonders.
Außerdem finde ich die besetzten, selbstverwalteten Räume der Stadt spannend, die von sozialen Organisationen und jungen Leuten zum Beispiel als Theater genutzt werden, oder um Aktivitäten für Kinder zu organisieren.

„Wir sind keine Barbaren!“ – Theaterworkshop mit Philipp Löhle

CoverPhilipp Löhle, international erfolgreicher Theaterautor aus Berlin, war am 6./ 7. Juli zu Gast bei den jungen Schauspielern des Nuovo Teatro Sanità, um die Inszenierung seines Stücks „Wir sind keine Barbaren!“ unter der Leitung von Mario Gelardi für die Theatersaison 2016/2017 vorzubereiten. Der Hausautor des Maxim-Gorki -Theaters half bei der Erarbeitung und die Schauspieler revanchierten sich mit einem Spaziergang zum berühmten Friedhof der Fontanelle.

Für Philipp Löhle ist es nicht das erste Mal in Neapel. Schon im Januar 2016 war er vom Goethe-Institut zur Neapelpremiere seines Theaterstückes „Genannt Gospodin“ am Teatro Bellini eingeladen worden. Diesmal kommt er für einen Workshop zu seinem Stück „Wir sind keine Barbaren!“, in dem es um Flucht und Vorurteile gegenüber Flüchtlingen geht. Kaum in Neapel angekommen, geht es hinein in die Sanità, ein sozialer Brennpunkt der Stadt.

Philipp Löhle 23-Blog

Vor dem Nuovo Teatro Sanità warten auf ihn schon voller Erwartung die jungen Schauspieler und der Regisseur Mario Gelardi, der den Jugendlichen der Sanità mit seinem Theaterprojekt neue Perspektiven eröffnen will. Er steht den Jugendlichen mit professionellen Tipps zur Seite und hilft ihnen, sich an Theaterschulen fortzubilden. Dank seines Engagements und mit Unterstützung des Goethe-Instituts wird Philipp Löhle den Jugendlichen dabei helfen, sein Stück „Wir sind keine Barbaren!“ besser zu verstehen.

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In der Kühle des Theaters, das sich in der ehemaligen Kirche San Vincenzo befindet, wird gelesen und intensiv diskutiert, bei caffé und stuzzichini. Was beabsichtigt der Autor? Wie sollen die Charaktere interpretiert werden? Und ist all das für ein italienisches Publikum verständlich? Philipp Löhle bekommt schnell einen Einblick in das Können der Schauspieler. Und die Schauspieler lassen sich nicht die Chance entgehen, den Gast aus Deutschland über seine Erfahrungen als Dramaturg auszufragen.

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Nach den beiden Tagen intensiver Arbeit bedankt sich die Compagnie mit einer persönlichen Führung durch die Sanità und den Friedhof der Fontanelle, ein Friedhof der etwas anderen Art. An den Wänden der Tuffsteingrotte stapeln sich Knochen und Totenköpfe. Wer all diese Menschen waren, weiß man heute nicht mehr. Überall sieht man kleine selbstgebaute Schreine, in denen Totenköpfe liegen, manchmal mit Rosenkränzen behangen, manchmal mit Beigabe von kleinen Bildchen und Zetteln. Die Jugendlichen erklären, dass es sich dabei um einen neapolitanischen Brauch handelt. Neapolitaner adoptieren die Skelette und im Gegenzug erfüllen die Seelen der Toten ihnen kleine und große Gefallen: Genesung bei Krankheiten, einen gute Partie für die Tochter etc.
Zurück im Theater bekommt Philipp noch einen caffé und einen Rundgang durch die Theater-Kirche spendiert. Sie war lange Zeit verlassen. Die Jugendlichen haben sie aus eigener Kraft restauriert und in ein Theater verwandelt. Stolz zeigen sie Philipp Löhle den Kirchenkomplex und erzählen, wie das Theater entstanden ist und mit welchen Schwierigkeiten sie kämpfen mussten.
Am Ende des Tages geht ein erfolgreiches deutsch-italienisches Künstlertreffen zu Ende. Doch für die Jugendlichen und Regisseur Gelardi beginnt die eigentliche Arbeit erst jetzt. Mitte Oktober findet die Premiere von „Wir sind keine Barbaren!“ statt, natürlich wieder mit Philipp Löhle.

Bis dahin euch allen einen schönen Sommer, Maike

Notte degli Oscar

Montagabend im Multicinema Modernissimo, Montagskino-Zeit: Patrick Vollrath, Dustin Loose und Ilker Catak präsentieren ihre Kurzfilme, die im September 2015 in Los Angeles mit dem begehrten Student Academy Award, dem Studentenoscar ausgezeichnet wurden. Das ist bislang einmalig: Alle drei Preise in der Kategorie „Bester nicht englischsprachiger Film“  gingen an Deutschland!

Anlässlich der „Notte degli Oscar“ im Rahmen unserer Filmreihe Montagskino sind in diesen Tagen drei deutsche Regisseure zu Gast in Neapel. Am Montagabend wurden im Cinema Modernissimo die drei Kurzfilme „Alles wird gut“ von Patrick Vollrath, „Erledigung einer Sache“ von Dustin Loose und „Sadakat“ von Ilker Çatak präsentiert.

Alle drei Produktionen wurden im letzten Jahr bei den Student Academy Awards in Los Angeles in der Kategorie Bester nicht englischsprachiger Film ausgezeichnet.
Für Patrick Vollrath kam gestern noch ein weiterer Preis hinzu. Claudia Pascotto von der Associazione Tycho und Francesco Napolitano von der Mediateca Santa Sofia überreichten den Preis für den besten Kurzfilm international beim 15. internationalen Kurzfilmfestival „‚O Curt“ (18.-21.11.2015).
Im Anschluss an die Präsentation der Filme standen die Regisseure jeweils für kurze Interviews zur Verfügung. Im weiteren Verlauf lernten die drei begeistert die neapolitanische Küche kennen.

Filmteam der PigrecoemmeGestern morgen gab es dann das nächste Highlight: Gemeinsam mit Studenten der Scuola di Cinema pigrecoemme machten sich Patrick, Dustin und Ilker auf einen Spaziergang durch die Altstadt Neapels. An der Piazza del Gesù, der Piazza Municipio und am Lungomare stellten sie sich für kurze Interviews zur Verfügung, die von den Studenten gefilmt wurden. Begleitet wurden sie dabei auch von unserem eigenen Kamerateam und Mitarbeitern des Goethe-Instituts. Im Laufe des Vormittags entwickelte sich dabei ein anregender Austausch zwischen den interessierten Studenten und unseren Prominenten Gästen.

Die Pigrecoemme wird die drei heute in ihren eigenen Unterrichtsräumen empfangen. Wir werden an dieser Stelle darüber berichten.

Neapel – eine doppelbödige Stadt

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Ole Schneider ist Doktorand der Germanistik an der Universität Münster. Im September kam er für ein Forschungssemester nach Neapel – eine Stadt, die er noch nie zuvor besucht hatte.

Du hast dich spontan entschieden ein Semester in Neapel zu verbringen, warum?

Ich erhielt die Einladung von einer Germanistin der Orientale für drei Monate nach Neapel zu kommen und nahm das Angebot sofort an.

Was hat sich für dich verändert seitdem du in Neapel lebst?

Ich frühstücke nicht mehr so oft zuhause, sondern meistens in der Bar. Dort nehme ich erst einmal meinen Kaffee ein und esse dazu eine Sfogliatella oder eine Brioche, das habe ich in Deutschland so nicht gemacht. Eine neue Erfahrung war für mich zudem der stete Konsum des Kaffees, der im Stehen an der Bar eingenommen wird.

Wie war die Eingewöhnungsphase für dich?

Mein erster Tag war schlimm, es schüttete wie aus Eimern, und Materdei, das Viertel in dem ich wohne, wirkte dadurch sehr trostlos. Eigentlich ist Materdei kein schlechtes Viertel, aber es gibt schon viele Gebäude, die etwas heruntergekommen sind und etwas Morbides haben. Ich habe zuvor in Münster gelebt und deshalb schon einen gewissen Kulturschock erlebt [lacht].

…und wie ging es weiter?

Die darauffolgenden Wochen waren dann wesentlich besser, ich habe die Stadt in all ihren Facetten und Widersprüchen kennengelernt; das Wetter wurde besser und es hat sich dann doch auch so manches an der Uni als sehr gut erwiesen, z.B. der Sprachkurs, den ich dort machen konnte und am Ende hat alles besser geklappt, als ich es erwartet hatte.

Eine etwas abstraktere Frage: Welchen Geruch hat die Stadt für dich?

Welchen Geruch! [überlegt] Der Geruch Neapels ist für mich eine Mischung aus einer angenehmen Meeresbrise und einem gewissen Fäulnisgeruch. Er löst bei mir daher auf der einen Seite Glücksgefühle, auf der anderen Seite ein Gefühl von ungelösten Problemen aus.

Angenommen, du müsstest die Stadt mit einem Adjektiv beschreiben, für welches würdest du dich entscheiden?

Das ist schwierig… doppelbödig würde ich sagen, das Gefühl eines doppelten Bodens ist sehr präsent.

Neapels Kreislauf

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Ein schwarzhaariger Kopf taucht plötzlich im Türrahmen auf. Von meinem Schreibtisch sehe ich zunächst die lockigen Haare, dann die schwarze Hornbrille, ein Lächeln. Tobias Böhner, Referendar aus Augsburg besucht das Goethe-Institut. Seine Freundin Mirjam (Foto) arbeitet hier. Tobias war bisher noch nie in Neapel.
Was, Dein erstes Mal? Na, wie ist denn Neapel?
Unglaublich lebhaft (lacht). Es ist immer viel los. Aber Neapel ist auch eine Stadt von großen Kontrasten. Zwischen dem Trubel in der Via Toledo und der Stille an der Uferpromenade. Essen gehen ist sehr günstig. Zum Beispiel Pizza zum Mitnehmen. Das hätte ich nicht gedacht!
Und Neapel hat einen ganz eigenen Rhythmus. Fast zyklisch. Wie z.B. die Geschäfte auf- und zumachen. Es gibt auch bestimmte Wochentage, an denen die Geschäfte schließen. In Deutschland ist es nicht so. Ich hatte das Gefühl, es ist ein bestimmter Kreislauf, der die Stadt füllt und wieder leert.
Was würdest Du einem neuen Besucher vermitteln?
Es ist sehr angenehm, im November Neapel zu besuchen. Es gibt nicht zu viele Touristen. Die Stadt ist nicht so überlaufen. Ischia ist ein schönes Erlebnis. Man sollte sich auf jeden Fall einen Tag nehmen, zum Beispiel um dort zu wandern.
Erzählst du uns noch eine Wahrnehmung, vielleicht etwas Schräges, das Dir aufgefallen ist?
Ja, der Geruch nach Hundekacke. Man hat den Eindruck, extrem viele Hunde sind hier unterwegs.

Herzlichen Glückwünsch, Lily Erlinger!

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Lily Erlinger, Regiestudentin der Filmakademie Baden-Württemberg hat mit ihrem Film “Das alte böse Wir” am Int. Frauenkurzfilmfestival “A corto di donne” in Pozzuoli (18.-21.06.2015) teilgenommen und den Preis der Jury für den Besten Kurzfilm im Bereich Fiction gewonnen. Der Film setzt sich mit dem Thema der totalitären Gesellschaft auseinander. Das Goethe-Institut hat im Anschluss an die Auszeichnung ein Interview mit der Regisseurin geführt.

Herzlichen Glückwunsch Lily! Was bedeutet die Auszeichnung für Sie?

Es ist wahnsinnig ermutigend. Filme machen ist ja nicht immer einfach. Es gibt auch Fälle, wo es viel viel schwieriger ist als in unserem. Ich hatte viel Unterstützung von der Filmakademie, ein tolles Team und tolle Produzenten. Als junger Filmemacher stellt man sich oft die Frage, ob man da richtig ist. Es ist wunderschön, von Menschen, die eine Leidenschaft für den Film und das Kino haben, eine Bestätigung zu bekommen und dazu ermutigt zu werden, weiterzumachen.

Ihr Film thematisiert die Banalität des Bösen und die Mechanismen des Mitläufertums, also sehr komplexe Themen. Es geht um eine totalitär organisierte Dorfgemeinschaft. Ihr Motto lautet „Kraft durch Einheit“. Adrian Wendt, ein junger Familienvater und Teil dieser Gemeinschaft, macht eines Tages eine furchtbare Entdeckung und beginnt die bestehende Ordnung in Frage zu stellen. Letztendlich ordnet er sich aber wieder dem System unter. Wie ist die Idee zum Film entstanden?

Für die Filmakademie muss man jedes Jahr einen Film produzieren. Wir wollten auf jeden Fall etwas machen, was mit dem Medium Film spielt, etwas was die Ästhetik von Film bedienen würde, auch weil es eine 16mm-Übung war. Wir haben lange nach einem Thema gesucht und begonnen ein Projekt zu entwickeln. Das stellte sich allerdings als zu groß heraus und wir haben dann entschieden etwas Kleineres zu machen. Dass es dann trotzdem ein Projekt mit 9 Darstellern, 70 Komparsen und einem großen Team geworden ist, war uns am Anfang nicht bewusst.
Auf die Thematik bin ich gemeinsam mit meiner Produzentin in langen abendlichen Gesprächen gestoßen. Wir suchten nach einem Thema, das unsere Generation angeht. Ich habe lange im Ausland gelebt und mich aus der Distanz intensiv mit der jüngeren deutschen Geschichte beschäftigt. Als ich zum Studieren nach Deutschland zurück kam, war ich überrascht, wie präsent die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus und seine katastrophalen Folgen ist, vor allem aber unterschwellig. Und das hat mich sehr beschäftigt. Was wir wollten, war, das Thema aus einer neuen Perspektive anzugehen. Es gibt viele Filme über die Täter bzw. das Böse im Sinne von Nazismus und auch viele Filme über die Opfer. Diese Filme sind wichtig, aber wir wollten einen Film machen über die Masse der Mitläufer, diejenigen, die dazu beigetragen haben, den Nazismus salonfähig zu machen. Ich wollte einen Weg finden zu verstehen wie so etwas passieren kann, wie es dazu kommt dass man die Augen vor offensichtlichem Unrecht verschließt. Und ich wollte zeigen, dass es alltäglich ist, dass es uns alle jeden Tag betrifft. Es war mir wichtig, einen Film zu machen, der darüber reflektiert und der zur Reflektion anregt.

Wie ist Ihr Eindruck vom Festival?

Es war ein wahnsinnig herzliches Festival. Ich hab mich total wohl gefühlt, war ein bisschen nervös am Anfang, auch weil ich überhaupt kein Italienisch spreche, aber ich wurde mit einer Herzlichkeit aufgenommen, die wunderschön war. Natürlich gab es ein paar Sprachbarrieren, aber man bekommt trotzdem viel über die anderen Festivalteilnehmer mit, über ihre Leidenschaft, über ihre Liebe, all das, was sie auch in ihrer Arbeit ausdrücken. Da nehme ich selbst auch viel mit.

Wie geht es jetzt für Sie weiter? Welche Projekte stehen an?

Jetzt gerade produzieren wir mein nächstes Projekt, ein Kurzfilm mit dem Titel „Die Stille“ über das Thema Abtreibung. Es geht nicht um die Gründe, die eine Abtreibung motivieren, sondern darum was eine Abtreibung in der Frau auslöst, um ihren Umgang damit. Auch hier spielt wieder das Thema der Verdrängung eine Rolle. Die Folgen der Abtreibung für die Person, die abtreibt, werden oft nicht thematisiert. Oft ist es aber gerade das Verdrängte, das einen großen Einfluss auf uns nimmt. Mir ist wichtig, in meinen Filmen die Grauzonen in unserem Leben zu beleuchten, die Dinge zu thematisieren, die man oft nicht anpacken will, weil sie zu komplex oder sehr kompliziert sind. Ich glaube, dass Themen wie in „Das alte böse Wir“ und „Die Stille“ oft die Gefahr der Polarisierung und der Vorverurteilung in sich tragen und durch meine Herangehensweise versuche ich das zu vermeiden und den Diskurs zu öffnen.

(Interview: Johanna Wand; Übersetzung: Maria Carmen Morese)

Pascal Merighi – Regisseur, Tänzer und Choreograph: Ein Gespräch mit dem vielseitigen Talent über seine Arbeit, Pina Bausch und das Stück „Samuel“

LABORATORIO PASCAL MERIGHI

Wie ist ihre Leidenschaft zum Tanz entstanden?

Das ist eine sehr gute Frage, die sich gar nicht so einfach beantworten lässt (lacht)… Leidenschaft… ich weiß nicht. Für mich ist es mehr die Leidenschaft auf der Bühne zu stehen und eine Idee bzw. Choreografie zu entwickeln, zunächst also weniger eine Leidenschaft zum Tanz selbst. In Jazztanz und in Ballett habe ich sehr viele Vorstellungen gegeben und mich dabei sehr wohl auf der Bühne gefühlt (lacht). Und dann kam eins zum anderen: ich habe ein paar Unterrichtsstunden genommen und habe Leute getroffen, die mir sagten, ich solle mehr trainieren, diese Schule besuchen und jenen Lehrer kennenlernen. Und peu à peu bin ich im Centre International de Danse Rosella Hightower in Frankreich gelandet.

Wie empfanden Sie die Zusammenarbeit mit Pina Bausch?

Die Arbeit mit Pina war sehr schön. Es war natürlich eine riesige Erfahrung und je weiter ich von dieser Zeit entfernt bin, desto mehr wird mir das bewusst. Wir hatten eine sehr enge Beziehung, die mich sehr geprägt hat und die aber auch voll von Arbeit war. Sehr viel Arbeit. Pina habe ich damals durch Zufall getroffen und kennengelernt, als ich mit Jochen Ulrich und dem Tanzforum in Köln war. Mir war nicht bewusst, dass Pina eine solche Größe war (lacht).

Wie ist die Idee zu Samuel entstanden und worum geht es in dem Stück?

Die Künstler des Trios CDT Wuppertal (Clementine Deluy, Damiano Ottavio Bigi und Thusnelda Mercy) haben mich als Choreograf angefragt, und ich habe ja gesagt. Ich habe dem Trio also den Text von Beckett zum Lesen gegeben und damit hat unsere gemeinsame Arbeit begonnen. Der Klang ist mir wichtig, die Wörter, der Weg, der Rhythmus und das Zusammenspiel dieser Komponenten. Der Text hat meine Imagination sehr stark angeregt, auch wenn wir mittlerweile sehr weit weg vom Originaltext sind und in unserem Stück kein Extrakt aus Becketts Le Dépeupleur zu finden ist. Aber das eigentliche Sujet – die Einsamkeit – ist sehr stark präsent in Samuel.

Wie entstehen Ihre Choreographien?

Ich gebe nur ein paar Bewegungen vor und den ein oder anderen Satz, und frage dann die Darsteller, wie sie dies oder jenes umsetzen können. Sie sollen sich von ihrer Phantasie treiben lassen. Ich gebe beispielsweise nur sehr wenig Choreographie vor, da ich mich selbst nicht wirklich als Choreograph, sondern vielmehr als Regisseur verstehe. Oft bringe ich viel Text aus literarischen Werken ein. Die Kreation des Sujets macht den handwerklichen Teil meiner Arbeit aus und dann beginne ich damit, es als Stück zusammenzufügen und zu gestalten. Ich schaue welche Teile zusammenpassen und versehe das Ganze mit Musik in Zusammenarbeit mit Volker Wurth. Die darauffolgende Arbeit mit den Schauspielern ist sehr instinktiv: ich sehe etwas vor mir, das der Künstler dann irgendwie umsetzen soll. Das hat keinen rationalen Grund. Ich sehe etwas vor meinem geistigen Auge und wenn es in das Stück passt, dann bleibt es, auch wenn es dramaturgisch gesehen vielleicht nicht stimmig ist.

Welchen Effekt haben Textpassagen in ihren Stücken?

Ich mag den Kontrast zwischen Tanz und Text. Bei dem Spiel mit Tanz und Text muss der Zuschauer eine andere Art von Aufmerksamkeit aufbringen. Beim Einsatz von Text fühlen sich die meisten Zuschauer dazu verpflichtet, das Gesprochene zu verstehen. Aber mir geht es nicht unbedingt darum, dass der Text verstanden wird, sondern vielmehr dass er angehört wird. Das ist wie beim Tanz: er ist manchmal unverständlich, aber dafür schön, anzuschauen. Durch diese Korrelation entstehen Emotionen beim Zuschauer.

 

Am 9. und 10. Mai 2015 feierte das Tanztheaterstück Samuel, eine Choreografie des französischen Tänzers und Choreografen Pascal Merighi für das Trio CDT Wuppertal, Premiere am Teatro Bellini, Neapel. Merighi, in Deutschland langjährig aktiv unter anderem als Gasttänzer des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch, gab daneben seine Erfahrung im Rahmen eines Workshops an Tanztalente aus Süditalien weiter.

Wissenschaft und Comic: unmöglich? – Jens Harder macht es möglich! Ein Gespräch mit dem deutschen Comiczeichner über seine Trilogie, die zunehmende Digitalisierung und seine italienischen Kollegen

Harder

Wie ist die Idee zu der Trilogie Alpha / Beta / Gamma entstanden, also die Geschichte der Welt und der Menschheit in einem Comic abzubilden?

Mit der Trilogie möchte ich die wissenschaftliche Sicht auf die Entstehung der Welt illustrieren, damit der Leser nicht nur Erklärungen präsentiert bekommt, sondern in die Bilder eintauchen kann. Trotzdem stelle ich auch eine Verknüpfung zu Religion und Mythen her, um zu zeigen wie die Menschen früher versucht haben, sich verschiedene Naturphänomene zu erklären. Heute finden wir dafür wissenschaftliche Begründungen, damals wurden hingegen Götter herangezogen oder angerufen. Dieses Wechselspiel finde ich spannend, als Zeichner und Autor war dies für mich eine große Herausforderung und ein großes Vergnügen.

Aus welcher Motivation heraus widmest du dich einem so großen Werk?

Ich fühlte mich auch dazu aufgefordert, weil ich diese Herangehensweise einerseits vermisst hatte, mich andererseits das Thema extrem interessierte und ich es aus zeichnerischer Sicht umgesetzt sehen wollte. Es gab und es gibt nichts Vergleichbares in dieser Länge – ein Buch, das 14 Milliarden Jahre Weltgeschichte über gezeichnete Bilder vermittelt. Nun arbeite ich mittlerweile seit fast zehn Jahren daran, weitere acht werden folgen.

Siehst du für dich und deine Kollegen als Zeichner eine besondere Herausforderung für die Zukunft im Zeitalter der neuen Medien?

Als Herausforderung sehe ich es, Bücher weiterhin so attraktiv zu machen, dass man meine Arbeiten auch zukünftig in Buchform haben will, sie auch noch in 20 bis 50 Jahren auf Papier lesen möchte. Aber gerade bezüglich der Recherchearbeit und der Distribution bietet das Internet natürlich eine Menge Vorteile für uns Autoren.

Wäre deine Trilogie für eine digitale Wiedergabe geeignet?

Meine Trilogie ist nicht zum Durchklicken oder Durchscrollen am Monitor geeignet, da eine detailreiche Wiedergabe bzw. Auflösung auf einem E-Book-Reader oder Smartphone nicht möglich ist. Außerdem bildet jede Doppelseite eine in sich geschlossene Komposition, die auf einem digitalen Medium wie den eben genannten, verloren gehen würde. Ebenso würde die Haptik des Papiers fehlen, wie auch die Farbgestaltung in Metallic-Tönen, so wie ich sie speziell für Beta umgesetzt habe.

Kennst du italienische Künstler und Comicautoren?

Ich kenne und schätze eine Reihe Graphic-Novelists oder Comicautoren aus Italien wie zum Beispiel Igort, Gipi, Lorenzo Mattotti, Dino Battaglia oder Manuele Fior. Ansonsten gibt es viele italienische Illustratoren, auf die ich bei der Recherche zu Beta gestoßen bin und deren Illustrationen ich zitiert oder adaptiert habe, besonders wenn es um prähistorische Themen aus der Menschheits- und Frühgeschichte sowie um die Antike ging. Hervorheben möchte ich hierbei die Arbeiten von Sergio oder Giovanni Caselli. Insgesamt haben mich die Werke sehr vieler italienischer, aber auch französischer Kollegen bei meiner Arbeit – vor allem zu Beta – beeinflusst.

Wenn du an irgendeinem beliebigen Ort in Italien deine Werke und Arbeiten ausstellen könntest, wo wäre das und warum?

Als Ausstellungsort könnte ich mir sehr gut Neapel vorstellen, weil diese Stadt aus vielen Gründen dafür geeignet ist, vor allem aber hinsichtlich ihrer Geschichte. In Alpha habe ich bereits ein Aussterbe-Ereignis illustriert, in dessen Zusammenhang ich auf Pompeji und den Folgen des damit verbundenen Vulkanausbruchs einging, um zu verdeutlichen, welche Bedeutung die plötzliche Auslöschung von Leben hat. Der Anfang von Beta II wird mitten in der Antike anknüpfen, in der dem Römischen Imperium im Allgemeinen, aber später natürlich auch Neapel als mediterrane Seemacht eine maßgebliche Rolle als Handlungsort und -träger zuteilwerden wird. Aus diesem Grund wäre es wunderbar, Bilder, die auf diese Stadt rekurrieren, später auch hier vor Ort in einer Ausstellung zu zeigen.

Vom Big Bang bis zu den Pyramiden am Nil: In Zusammenarbeit mit dem Internationalen Comicsalon Napoli COMICON zeigte das Goethe-Institut Neapel vom 9. April bis zum 29. Mai 2015 Originalzeichnungen des Comicautors Jens Harder, aus Alpha… directions und Beta… civilisations, den beiden ersten Bänden seiner als Trilogie angelegten Erd- und Menschheitsgeschichte in Comic-Form. Am 30. April 2015 traf Jens Harder sein Publikum im Palazzo Sessa. Das Goethe-Institut Neapel hat im Rahmen der Begegnung ein Interview mit ihm geführt.

Individuum ist doch gut! Ein Gespräch mit dem Tenor Torsten Kerl über Wagner, Neapel und die Oper heute anlässlich der Premiere von „Tristan und Isolde“ im Theater San Carlo am 22. Februar 2015

Benvenuto a Napoli, herzlich Willkommen in Neapel!

Danke (lacht). Ich bin das erste Mal als Musiker hier in Neapel. Ich war ganz früher als Kind mit meinen Eltern hier und von hier sind wir nach Ischia gefahren und natürlich nach Pompeji. Als Musiker war ich in fast allen großen Städten in Italien, aber Neapel fehlte mir noch.

„Tristan und Isolde“ spielt an der Küste bzw. auf dem Meer – obwohl das Meer keine große Rolle spielt. Auch von Neapel wird manchmal etwas Ähnliches gesagt. „Il mare non bagna Napoli“, der Glanz des Meeres dringt nicht bis in die Gassen, so eine berühmte Erzählung von Anna Maria Ortese. Welchen Eindruck haben Sie von der Stadt?

Es stimmt, was Ortese schreibt. Wenn man vom Flughafen in die Stadt fährt, dann sieht man zunächst einmal nur riesige Lagerhallen und den abgesperrten Hafen. Aber das ist ja in allen großen Küstenstädten so, in Barcelona zum Beispiel.

Der Tristan gilt als besonders schwierige Rolle. Warum?

Der Tristan ist insofern schwer, weil er stimmlich ungünstig verteilt ist. Das heißt, im ersten Akt relativ wenig, im zweiten Akt dann sehr viel und im dritten Akt singt er die ersten 50 Minuten ganz alleine. Wunderschön schwermütige Musik, aber emotional sehr schwer und auch für das Orchester technisch anspruchsvoll. Die Wagner-Opern an sich sind natürlich alle unterschiedlich gelagert. Aber wenn man die entsprechende Stimme dazu hat – da ist sicher viel Technik dabei, aber auch ein bisschen Glück – dann kann man sie sogar alle singen. Es gibt zwei Arten von Sängern: den Marathonläufer und den Sprinter. Der letzte kommt auf die Bühne, singt eine komplizierte Arie mit vielen Koloraturen, hat noch ein Duett, vielleicht noch eine Arie und dann ist Schluss. Kurz und intensiv. Wagner-Opern verlangen dagegen den Marathon-Sänger. Außerdem gibt es beim Tristan auch zwei, drei ganz gefährliche Partien, auch sehr intensiv, nur alles zehnmal so lange. Man muss also lange genug singen können, man muss die Lagen singen können, in denen sich das Stück bewegt, man muss aber gleichzeitig auch laut genug sein und man sollte entweder sehr gut Deutsch können oder Deutsch als Muttersprache haben. Denn Wagner-Deutsch ist ein reines Kunstdeutsch, so kann man ja nicht reden und insofern sollte man schon verstehen, was man da singt.

Haben Sie sich auf die Inszenierung hier in Neapel irgendwie besonders vorbereitet oder ist es das Gleiche, den Tristan in Neapel zu singen wie in Bayreuth?

Ich bin eigentlich ein ziemlicher Gegner von der Idee: „Man ist in Bayreuth besser, weil es dort bekannter ist.“ Meiner Meinung nach ist es immer erst mal wichtig, wie man singt, nicht wo man singt. Also ich singe es hier, so gut ich kann. Und das Theater San Carlo in Neapel ist ein tolles Haus. Es hat ja auch eine große Tradition mit Wagner.

Für alle, die noch nie eine Wagner-Oper gesehen haben: Ist „Tristan und Isolde“ eine Oper, mit der man gut einsteigen kann?

Ja, warum nicht? Das ist immer eine Frage der Erwartungshaltung. Wagner ist sehr lang, aber es ist eine Musik, auf die man sich auch lange einlassen kann. Man muss sich ein bisschen einlesen. Opernführer fliegen überall herum. Die Inszenierung hier eignet sich sowieso gut, weil sie genau die Geschichte wiedergibt. Es ist eine Inszenierung, die so durch drei Zeiten geht, um das ganze etwas zeitlos zu machen – wie die Liebesgeschichte ja auch. Der erste Akt spielt im Mittelalter, der zweite im Rokoko und der letzte Akt ist relativ modern. Außerdem ist die Musik im „Tristan“ eine der schönsten Musiken, die Wagner geschrieben hat – passend zur traurigen Liebe von Tristan und Isolde. Wunderschön.

Herr Kerl, vielen Dank für das Interview. Möchten Sie noch eine Botschaft für alle unsere Leser und für alle „Deutsche in Neapel“ hinterlassen?

(Lacht) Kommt in die Oper! Sonst habe ich es nicht so mit Botschaften. (lacht) Das ist eine Chance! Diese Inszenierung war vor elf Jahren das letzte Mal in Neapel. Also das heißt bis „Tristan“ wieder kommt, wird es eine Weile dauern. Wer weiß, ob es überhaupt je wieder kommt? Aber es gibt eine Sache, die ich generell allen ans Herz legen möchte. Was die Oper angeht, haben wir in ganz Europa eine einmalige Kultur, wirklich eine Art von Hochkultur, die leider aber immer weiter verloren geht. Deshalb sollten wir die Oper für alle attraktiv machen – Schüler, Eltern, Freunde und Bekannte. Eine Inszenierung muss nicht unbedingt modern sein, weil das gerade cool ist. Die Oper sollte sich nicht anbiedern, wir sollten nicht ein Popmusical daraus machen, sondern wir müssen den Leuten, denen der Zugang dazu fehlt, zeigen, was daran schön ist. Wir müssen diese kulturelle Fahne hochhalten! Ich denke da häufig darüber nach, mit welcher Selbstverständlichkeit über kulturelle Identitäten weggebügelt wird, damit das alles schön gleich ist. Aber was ist daran so toll? Individuum ist doch gut!

Interview von Anuschka Heid